Name und Herkunft
Der Name, unter dem dieses Volk in den Überlieferungen erscheint, ist nicht sein eigener. „Dunland“ und „Dunlendinge“ sind Bezeichnungen der Rohirrim, die damit auf das dunkle Haar und die dunklere Haut ihrer westlichen Nachbarn anspielten. Tolkien vermerkt ausdrücklich, dass die Silbe „dun“ in diesen Namen nichts mit dem grauelbischen Wort für „Westen“ zu tun hat, so nahe die Verwechslung angesichts der Lage des Landes auch liegt. Wie sich die Dunlendinge selbst nannten, ist nicht überliefert; die Quellen geben ihnen nur die Namen, die andere ihnen beilegten.1
Ihrer Abkunft nach gelten die Dunlendinge als Überrest jener Völker, die das Weiße Gebirge und seine Täler schon in älteren Zeitaltern besiedelt hatten. Mit den Toten von Dunharg waren sie verwandt. In den Dunklen Jahren wichen Teile dieser Völker nach Norden aus, zunächst in die südlichen Täler des Nebelgebirges, und einige gelangten von dort aus in menschenleere Gegenden bis hinauf zu den Hügelgräberhöhen. Auf diese Wanderung gehen auch die Menschen von Bree zurück; sie waren jedoch schon lange Untertanen des Nördlichen Königreichs Arnor geworden und hatten dessen Gemeinsprache angenommen, sodass sich die Verwandtschaft kaum noch erkennen ließ.2
Allein in Dunland hielten Menschen dieses Stammes an ihrer alten Sprache und ihren überkommenen Bräuchen fest. Sie lebten verschlossen, begegneten den Dúnedain mit Misstrauen und den Rohirrim mit Hass. Von ihrer Sprache ist so gut wie nichts erhalten geblieben; nur ein einziges Wort ist bezeugt, „Forgoil“, ihr Name für die Rohirrim, der „Strohköpfe“ bedeutet haben soll und damit das Gegenstück zu dem Namen bildet, den die Reiter ihnen gaben. Dass diese Sprache einst weiter verbreitet war, bezeugt Gamling in Helms Klamm: Er erkennt die Rufe der Angreifer als eine alte Menschensprache, die früher auch in manchen westlichen Tälern der Mark gesprochen wurde.3
Geschichte
Die älteste greifbare Schicht dieser Geschichte liegt im Zweiten Zeitalter und in den Wäldern südlich und westlich des späteren Dunland. Als die Númenórer an der Mündung der Gwathló einen Hafen anlegten und für ihre Werften weite Teile von Minhiriath und Enedwaith abholzten, trafen sie auf eingesessene Waldvölker, die mit den Dunlendingen verwandt waren. Aus dem Raubbau wurde Feindschaft: Die Einheimischen überfielen die Holzfäller, die Seefahrer antworteten mit Härte, und wer überlebte, zog sich in die Wälder oder in das Hügelland unterhalb des Nebelgebirges zurück. Die Überlieferung sieht in diesen Vorgängen eine Wurzel des Grolls, den die Menschen jener Gegend fortan gegen die Nachfahren Westernis hegten.1
Im Dritten Zeitalter geriet das Volk zwischen die Grenzen Gondors und dessen Verbündete. Die Provinz Calenardhon zwischen Isen und Entwasser war im Laufe der Jahrhunderte menschenarm geworden, und in ihren westlichen Tälern hatten Menschen dunlendischen Stammes Fuß gefasst. Im Jahr 2510 überließ der Truchsess Cirion das Land Eorl und seinen Reitern zum Dank für ihr Eingreifen auf dem Feld des Celebrant. Für die Dunlendinge war das eine Landnahme durch Fremde, und die Rohirrim verdrängten die Ansässigen, soweit diese nicht wichen. Von diesem Vorgang an datiert die Feindschaft, die beide Völker über viele Menschenalter trennte.2
Unter König Deor begannen die Dunlendinge, über den Isen hinweg in die Mark einzufallen, und in dieser Zeit gelangte auch der verlassene Ring von Isengart in ihre Hand, dessen Wächter aus Gondor ausgestorben waren. Schwerer wog, was zwei Generationen später folgte. Freca, ein Landherr der Mark mit starkem dunlendischem Blutanteil, forderte König Helm heraus und wurde von ihm erschlagen. Sein Sohn Wulf sammelte daraufhin im Jahr 2758 Dunlendinge zu einem Rachezug, fiel gleichzeitig mit den Angriffen der Korsaren auf Gondor in Rohan ein und nahm Edoras. Helm musste sich mit den Seinen in die Klamm zurückziehen, die später seinen Namen trug, und kam während des Langen Winters um.3
Die Herrschaft Wulfs währte nur bis zum folgenden Frühjahr. Frealaf, Helms Neffe, eroberte Edoras 2759 zurück, Wulf fiel, und die Dunlendinge wurden aus der Mark und aus Isengart vertrieben. Im selben Jahr nahm Saruman mit Zustimmung des Truchsessen Beren Wohnsitz im Orthanc, was die Rohirrim zunächst als Schutz ihrer Westgrenze begrüßten. Über lange Zeit blieb es danach ruhig an den Furten des Isen. Erst als Saruman selbst nach Macht zu greifen begann, fand er in den Dunlendingen, deren alter Groll nicht erloschen war, bereitwillige Gefolgsleute.4
Im Ringkrieg zogen die Männer von Dunland an der Seite von Sarumans Orks und Halborks gegen Rohan und stürmten in der Nacht vor Theodens Rückkehr zur Hornburg deren Wall. Nach der Niederlage bei Helms Klamm ergaben sich die überlebenden Dunlendinge; Saruman hatte ihnen eingeredet, die Rohirrim würden Gefangene lebendig verbrennen. Stattdessen verlangten Erkenbrand und die Seinen von ihnen nur, bei der Bestattung der Toten und der Wiederherstellung des Zerstörten zu helfen, und ließen sie danach unter dem Eid ziehen, den Isen nie wieder in Waffen zu überschreiten. Mit dieser Milde endet, was die Quellen über das Volk berichten: Die Dunlendinge kehrten in ihre Hügel zurück und bestanden dort fort, abseits der neuen Ordnung des Vierten Zeitalters.5
- 1Nachrichten aus Mittelerde, Teil 2, IV, The History of Galadriel and Celeborn, Anhang D
- 2Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl; Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 7, Helm's Deep
- 3Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 4Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 5Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 7, Helm's Deep; Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 8, The Road to Isengard
Lebensweise und Eigenart
Was über den Alltag der Dunlendinge bekannt ist, stammt fast durchweg aus dem Blick ihrer Nachbarn. Die Rohirrim sahen in ihnen ein ungezähmtes Bergvolk jenseits der Flüsse, das von seinen Herden lebte. Das Bild ist knapp, aber stimmig: Die Dunlendinge waren Hirten und Viehhalter in einem rauen Hügelland am Fuß des Nebelgebirges. Von Städten, befestigten Sitzen oder einem Königtum berichten die Quellen nichts. Auch über ihr Handwerk, ihre Tracht oder ihre Bewaffnung schweigen sie weitgehend. Überliefert ist ein Volk, das als Gegner in die Geschichte eintritt, nicht als Gegenstand eigener Beschreibung.1
Ihre Abschließung war dennoch nicht vollständig. Die Gemeinsprache des Westens hatte sich im Dritten Zeitalter so weit ausgebreitet, dass selbst unter den Dunlendingen, die jeden Umgang mit Fremden mieden, manche sie beherrschten, wenn auch nur mangelhaft. Man muss sich das Volk also als zweisprachig an seinen Rändern vorstellen: Im Inneren herrschte die ererbte Rede, nach außen gab es einzelne Mittler, die sich mit Händlern oder Nachbarn verständigen konnten. Dass diese eigene Sprache kaum Spuren hinterließ, ist deshalb weniger ein Zeichen ihres Verschwindens als eine Folge davon, dass niemand außerhalb Dunlands sie aufzeichnete.2
Über Glauben, Totenbrauch oder Vorstellungen vom Jenseits ist aus Dunland nichts erhalten. Allenfalls die Verwandtschaft mit den alten Bergvölkern wirft ein schräges Licht darauf, denn deren Könige hatten in den Dunklen Jahren Sauron verehrt; ob davon bei den Dunlendingen etwas fortlebte, sagen die Quellen nicht. Deutlich greifbar ist dagegen ihr Verhältnis zur Zeit. Der Anspruch auf das an Eorl vergebene Land blieb über rund fünf Jahrhunderte wach, als Kränkung, die Väter an Söhne weitergaben. Dieses lange Gedächtnis für erlittenes Unrecht unterscheidet sie von den meisten Menschenvölkern ihrer Umgebung, und gerade darauf konnte Saruman bauen.3
Rolle in der Erzählung
In der Handlung des „Herrn der Ringe“ treten die Dunlendinge nur für kurze Zeit auf, und zwar fast ohne Gesicht. Sie gehören zu dem Heer, das in einer einzigen Nacht gegen die Hornburg anrennt, und bleiben dort Stimmen im Dunkeln, Schwerter unter Leitern und Rufe in einer Sprache, die niemand von den Gefährten versteht. Keiner von ihnen erhält einen Namen, keiner spricht für sich. Gerade darin liegt ihre erzählerische Wirkung: Mit ihnen zeigt sich zum ersten Mal ein ganzes Menschenvolk in Waffen auf der Seite des Feindes. Der Krieg, den der Leser bis dahin vor allem als Kampf gegen Orks, Wölfe und Ringgeister erlebt hat, wird damit zu einem Krieg, in dem auch Menschen gegen Menschen stehen.1
Am Morgen nach der Schlacht trennt die Erzählung sehr deutlich, was in der Nacht gemeinsam angegriffen hatte. Sarumans Orks fliehen in den rätselhaften Wald, der über Nacht vor der Klamm gewachsen ist, und kommen nicht wieder hervor. Die Bergmenschen dagegen bleiben am Leben, strecken die Waffen und erfahren von den Siegern eine Behandlung, die sie nicht erwartet hatten. Die Geschichte stellt sie damit auf die Seite derer, die sich besinnen und umkehren können, während die gezüchteten Diener Isengarts dieses Schicksal nicht teilen.2
Die Dunlendinge lassen sich deshalb als die andere Seite der Gründungsgeschichte Rohans lesen. Was die Reiter als rechtmäßiges Geschenk verstehen, erscheint von den Hügeln jenseits des Isen aus als Verlust, und das Buch verschweigt diese Sicht nicht, auch wenn es sie nur durch fremden Mund weitergibt. Sarumans Macht beruht in diesen Kapiteln nicht allein auf Heeren und Kunstfertigkeit, sondern auch darauf, dass er eine wirkliche Kränkung aufgreift und in Kriegswillen umlenkt. Im Umgang der Sieger mit den Besiegten deutet die Erzählung an, dass ein solcher Kreislauf eher durch Großmut als durch Vernichtung zu einem Ende kommt.3
In Verfilmungen
In Peter Jacksons „Die zwei Türme“ (2002) erscheinen die Dunlendinge als wildes Bergvolk, das Saruman, gespielt von Christopher Lee, für seinen Krieg gewinnt, indem er den alten Anspruch auf das an die Reiter verlorene Land aufruft. Anschließend ziehen sie gemeinsam mit Orks plündernd durch die Dörfer im Westen Rohans. Der Film zeigt damit die Anwerbung unmittelbar, die das Buch nur aus zweiter Hand und im Rückblick erkennen lässt. Die gewichtigste Abweichung betrifft die Schlacht um die Hornburg: Dort kämpfen im Film keine Menschen aus Dunland, das Belagerungsheer besteht allein aus Sarumans Uruk-hai. Folgerichtig fehlt alles, was sich im Roman an diese Nacht anschließt, also die Kapitulation, die unerwartete Schonung durch die Sieger und das Versprechen, den Isen nicht mehr bewaffnet zu überqueren. Einzelne Dunlendinge treten nicht mit Namen hervor.1
Ungleich mehr Raum erhält das Volk in dem Zeichentrickfilm „Der Krieg der Rohirrim“ (2024) unter der Regie von Kenji Kamiyama, der den in den Anhängen überlieferten Konflikt zwischen König Helm und dem Haus Frecas zum Gegenstand hat. Helm wird im Original von Brian Cox gesprochen, Freca von Shaun Dooley und Wulf, der den Rachezug gegen die Mark anführt, von Luke Pasqualino. Wulf ist hier der eigentliche Gegenspieler der Handlung, und das dunlendische Heer bildet die Streitmacht, mit der er Rohan überzieht. Die deutlichste Abweichung vom Stoff liegt in der Gewichtung: Helms Tochter, die bei Tolkien namenlos bleibt, erhält im Film einen Namen und die Hauptrolle, und Wulf wird ihr als Bekannter aus Kindertagen gegenübergestellt. Dadurch rückt der Groll eines ganzen Volkes um verlorenes Land hinter eine persönliche Fehde zurück, die das Drehbuch zwischen den beiden Häusern ausspinnt.2