Name und Herkunft
„Aratar“ ist kein Volksname im engeren Sinn, sondern ein Rangtitel. Er bezeichnet nicht eine eigene Abkunft, sondern eine Auswahl innerhalb der Valar. Das Wort ist quenyarisch. Die Valaquenta übersetzt es sinngemäß mit „die Hohen Ardas“; die deutschen Ausgaben geben es gewöhnlich als „die Erhabenen“ wieder. Der Anhang des „Silmarillion“ zu den Namensbestandteilen stellt es zu einer Wurzel, die „hoch“ und „edel“ bedeutet. Diese Wurzel kehrt in zahlreichen Namen des Hochadels von Elben und Menschen wieder. Der Titel beschreibt also Rang und Würde, nicht Herkunft oder Wohnort.1
Ihre Herkunft ist die aller Valar. Sie gehören zu den Ainur, die aus dem Denken Ilúvatars hervorgingen, bevor irgendetwas anderes geschaffen war. Nach der Großen Musik traten sie in die Welt Ea ein und banden ihr Sein an sie, bis diese vollendet sein würde. Eine eigene Entstehungsgeschichte der Aratar gibt es daher nicht. Was sie von den übrigen Valar unterscheidet, ist allein das Maß ihrer Macht und des Ansehens, das sie genießen. Die Gestalten, in denen die Eldar sie in Aman sahen, legten sie nach eigenem Willen an wie ein Gewand; ihr eigentliches Wesen bedurfte ihrer nicht.2
Bemerkenswert ist, dass der Titel eine Geschichte in sich trägt. Die Valaquenta spricht zunächst von neun Mächten ersten Ranges und stellt dann fest, dass einer aus ihrer Zahl entfernt wurde. Wer dieser Neunte war, nennt die Stelle selbst nicht. Melkor wird in derselben Schrift jedoch ausdrücklich nicht mehr zu den Valar gezählt. Deshalb liegt es nahe, an ihn zu denken, doch der Wortlaut bleibt an diesem Punkt zurückhaltend. Die Bezeichnung „Aratar“ haftet ausdrücklich an den verbliebenen acht. Sie ist demnach als Name einer Ordnung zu verstehen, deren Bestand sich verändert hat und die gerade durch diese Verminderung ihre überlieferte Gestalt erhielt.3
Geschichte
Eine Geschichte, die sich von der Geschichte der Valar ablösen ließe, haben die Aratar nicht. Die Überlieferung erzählt ihr Handeln fast immer als Tat der Mächte insgesamt, doch in den entscheidenden Momenten treten gerade die acht nach vorn. Das beginnt mit der Formung Ardas nach dem Eintritt in die Welt. Die Valar mühten sich, die in der Musik geschaute Gestalt in die Wirklichkeit zu bringen. Melkor stellte sich dem entgegen, verdarb, was sie bauten, und beanspruchte die Erde für sich. Erst als Tulkas hinzukam, wich er fürs Erste zurück, und die ersten Werke konnten gelingen.1
In dieser frühen Zeit wohnten die Valar mitten in der Welt, auf der Insel Almaren. Auf Bitten Yavannas schuf Aule zwei gewaltige Leuchten, Varda füllte sie mit Licht, und Manwe weihte sie. Unter ihrem Schein erwachte das Wachstum, das Yavanna gesät hatte. Melkor stürzte die Leuchten jedoch um, und die Verwüstung zerstörte Almaren. Die Valar zogen daraufhin nach Westen, nach Aman, türmten dort Gebirge zum Schutz auf und gründeten Valinor. Dort sang Yavanna die Zwei Bäume ins Dasein, während Nienna den Hügel mit ihren Tränen benetzte. Das Licht der Bäume bestimmte fortan die Zählung der Zeit im Segensreich.2
Mittelerde lag inzwischen im Dunkel. Nur Orome ritt dort zuweilen auf Jagd, und Yavanna suchte das Land gelegentlich auf. Als das Erwachen der Erstgeborenen nahte, entzündete Varda neue und hellere Sterne, und es war Orome, der die Elben am Wasser von Cuiviénen fand. Manwe berief daraufhin einen Rat. Die Mächte beschlossen, gegen Melkor ins Feld zu ziehen, um die Elben zu schützen. Nach langer Belagerung fiel seine Festung Utumno. Man legte ihn in die Kette Angainor, die Aule geschmiedet hatte, und hielt ihn in den Hallen des Mandos gefangen. Bei der Frage, ob die Elben nach Aman gerufen werden sollten, widersprach allein Ulmo und riet, sie in Mittelerde zu lassen. Die übrigen entschieden anders, und daraus erwuchs vieles, was später geschah.3
Die tiefste Erschütterung brachte die Verdunkelung Valinors, als Melkor mit Ungoliant die Bäume vernichtete. Yavanna vermochte sie ohne das in den Silmaril bewahrte Licht nicht zu heilen, und Feanor verweigerte die Steine. Aus den letzten Früchten, die die sterbenden Bäume unter Yavannas Gesang und Niennas Tränen noch trugen, entstanden Mond und Sonne. Aule fertigte die Gefäße für sie, Varda wies ihnen die Bahnen. Den abtrünnigen Noldor schlug ein Urteilsspruch entgegen, den die Überlieferung dem Mandos oder seinem Boten zuschreibt. Die Valar verbargen ihr Land, und lange Zeit griffen sie in die Kriege Beleriands nicht ein. Nur Ulmo blieb den Elben und Menschen verbunden und wirkte über die Wasser weiter. Erst als Earendil den Westen erreichte und für beide Völker bat, sandten die Mächte ihr Heer aus. Im Krieg des Zorns wurde Melkor endgültig überwunden.4
Im Zweiten Zeitalter stellte Númenor die Mächte vor eine Lage, der sie aus eigener Befugnis nicht mehr beikommen wollten. Als Ar-Pharazôn mit seiner Flotte an den Küsten Amans landete, gaben die Valar ihre Regentschaft über Arda aus der Hand und wandten sich an Ilúvatar. Er veränderte die Gestalt der Welt. Númenor versank, und das Segensreich wurde aus den Kreisen der Welt entrückt. Fortan wirkten die Mächte nur noch mittelbar in Mittelerde. Im Dritten Zeitalter beschlossen sie in einem Rat unter Manwes Vorsitz, Gesandte aus dem Volk der Maiar in bescheidener Gestalt gegen Sauron auszusenden. Diese Gesandten wurden als Istari bekannt. Die Aratar selbst verschwinden damit nicht aus der Welt. Sie treten jedoch hinter ihre Boten zurück, und ihr weiteres Handeln bleibt den Erzählungen der späteren Zeitalter weitgehend verborgen.5
- 1Das Silmarillion, Ainulindalë; Das Silmarillion, Valaquenta
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 1
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3
- 4Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 9; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 11; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 24
- 5Das Silmarillion, Akallabêth; Nachrichten aus Mittelerde, Teil IV, Kap. 2
Wesen, Bereiche und Werke
Von einer Lebensweise im Sinn eines Volkes lässt sich bei den Aratar kaum sprechen. Sie teilen keine gemeinsame Sitte und kein gemeinsames Handwerk; jede und jeder von ihnen waltet vielmehr über einen eigenen Bereich der Welt, der in der Musik vorgezeichnet war. Manwe, dem Lüfte, Winde und Wolken unterstehen, hat seinen Sitz mit Varda auf dem Taniquetil. Von dort reicht sein Blick weiter als jeder andere, während Varda die Stimmen vernimmt, die von Osten bis Westen zu ihr aufsteigen. Seine Boten sind die Adler, ihr Werk sind die Sterne, und die Elben Mittelerdes riefen sie unter dem Namen Elbereth an. Ulmo dagegen hält sich von Valinor fern: Er wohnt in den Tiefen der Meere, kommt nur bei großen Anlässen zum Rat und spricht durch alle Wasser der Welt, bis in Quellen und Flüsse hinein, zu denen, die ihn hören wollen.1
Aule und Yavanna, einander verbunden, sind die Mächte des Stoffes und des Wachsens. Aule gebietet über Gestein und Metall, über alles, woraus die Erde gebaut ist. Seine Freude gilt dem Schaffen und dem Können selbst, nicht dem Besitz des Geschaffenen, und die Noldor lernten von ihm mehr als von jedem anderen. Yavanna, die Kementári, liebt alles, was aus dem Boden hervorgeht, vom unscheinbaren Moos bis zu den ältesten Bäumen. Orome wiederum ist der Jäger unter den Mächten, ein Freund der Wälder und ein Kenner der Tiere; sein Horn heißt Valaróma, sein Ross Nahar. Mehr als die meisten Valar hing er an den Ländern Mittelerdes, die er nur ungern verließ.2
Am deutlichsten zeigt sich das Verhältnis der Aratar zu Tod und Zeit in Mandos und Nienna. Mandos, mit eigentlichem Namen Námo, hütet die Häuser der Toten, in die die Geister der erschlagenen Elben gerufen werden. Er weiß um das Kommende, soweit es nicht allein in Ilúvatars Freiheit liegt, und spricht seine Urteile nur, wenn Manwe es verlangt. Was jedoch mit den Menschen nach ihrem Tod geschieht, bleibt auch ihm und den übrigen Valar verborgen. Nienna ist die Trauernde; sie leidet an jeder Wunde, die Melkor der Welt schlug, und wer sich ihr zuwendet, lernt Erbarmen und ein Ausharren, das sich auf Hoffnung stützt. Die Aratar selbst sterben nicht: An Ea gebunden, bis die Welt vollendet ist, messen sie Zeit an deren Dauer und nicht an Lebensaltern.3
Gliederung, Verwandtschaft und Gefolge
Stämme, Häuser oder Sippen im Sinn der Kinder Ilúvatars kennen die Aratar nicht. Die Valaquenta ordnet die Mächte jedoch auf andere Weise, und die acht Erhabenen liegen quer zu dieser Ordnung. Sie unterscheidet die Herren der Valar von ihren Königinnen, den Valier. Unter den acht finden sich fünf Herren, nämlich Manwe, Ulmo, Aule, Mandos und Orome, und drei Valier, nämlich Varda, Yavanna und Nienna. Der Rang der Aratar folgt also weder dem Geschlecht noch einer Abstammung, sondern allein der Macht.1
Auch die Verwandtschaftsbande, von denen die Valaquenta berichtet, fallen nicht mit dem Kreis der acht zusammen. Manwe und Melkor galten im Denken Ilúvatars als Brüder. Mandos und sein Bruder Lórien werden gemeinsam die Feanturi genannt, die Herren der Geister, und Nienna ist ihre Schwester. Lórien selbst zählt jedoch nicht zu den Aratar, ebenso wenig die Gemahlinnen der beiden Brüder, Vaire die Weberin und Este die Heilerin. Ähnlich steht es um Orome: Seine Gattin Vána und seine Schwester Nessa, die Tulkas zur Frau nahm, bleiben außerhalb des höchsten Ranges. Nur die beiden Paare Manwe und Varda sowie Aule und Yavanna gehören als Ganzes zu den acht.2
Deutlicher als nach Blut scheiden sich die Aratar nach ihren Gefolgschaften aus dem Volk der Maiar. Manwe dient Eonwe als Herold und Bannerträger, Varda steht Ilmare als Magd zur Seite. Ulmo sind Osse und Uinen untertan, die über die Meere an den Küsten Mittelerdes walten, dazu Salmar, der ihm seine Hörner fertigte. Aule hat ein eigenes Volk von Maiar, das an seinen Künsten teilhat. Aus dem Gefolge Oromes ging Tilion hervor, der später den Mond lenkte. Olórin schließlich wohnte zwar in Lórien, suchte aber oft Nienna auf und lernte bei ihr Mitleid und Geduld.3
Rolle in der Erzählung
Im „Silmarillion“ erfüllen die Aratar zunächst eine ordnende Aufgabe. Die Valaquenta stellt sie an den Anfang, noch ehe eine einzige Tat erzählt ist. Damit erhält der Leser eine Rangordnung, an der sich die spätere Vielzahl der Mächte messen lässt: Wer entscheidend handelt, gehört meist zu den acht, wer dient oder begleitet, steht häufig darunter. Zugleich führt der Text an ihnen eine Ordnung vor, die auf Einverständnis statt auf Zwang beruht, denn Manwe leitet die anderen, ohne sie zu beherrschen. Darin liegt der eigentliche Gegensatz zu Melkor, dessen Herrschsucht ihn aus dem Kreis der Ersten hinausführte. Dass die Erhabenen uneins sein können und Manwe sich von Melkors vorgetäuschter Reue täuschen lässt, macht sie zu Handelnden einer Geschichte und nicht zu bloßen Sinnbildern.1
Im „Herrn der Ringe“ tritt keiner der acht selbst in die Handlung ein. Ihr Wirken liegt jenseits des Horizonts, den die Erzählung ausleuchtet, und doch bleiben sie gegenwärtig, vor allem in Varda. Die Hobbits hören schon im Auenland, wie Gildors Gefolge sie unter dem Namen Elbereth besingt. Später ruft Sam sie im Kampf mit Kankra in äußerster Not an. So wird die ferne Ordnung des Westens im Roman zu einer Stimme im Hintergrund, erfahrbar in Lied, Anrufung und Hoffnung, niemals aber als offener Eingriff.2
Wofür die Mächte stehen, hat Tolkien selbst erläutert. Er beschrieb die Valar als erschaffene Wesen von engelhafter Art. Sie nehmen zwar den Platz ein, den andere Mythologien ihren Göttern geben, üben aber jeweils in ihrem Bereich eine übertragene Vollmacht aus. Die Aratar verkörpern die oberste Stufe dieser geliehenen Herrschaft; ihr Rang ist ein anvertrautes Amt, kein Eigentum. Von hier aus lässt sich auch verstehen, warum sie in der größten Krise ihre Vollmacht zurückgeben, statt sie eigenmächtig zu überschreiten.3