Herkunft und Namen

Der Gegenstand trägt seinen Namen erst, seit er den Besitzer wechselte, und der Name gilt zugleich dem Stein und dem, der ihn empfing. Beim Abschied der Gefährten von Lórien reicht Galadriel Aragorn ein grünes Juwel in einer silbernen Spange, geformt wie ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen, und legt ihm mit der Gabe eine Benennung auf: Elessar, den Elbenstein aus dem Hause Elendil. Sie stellt es dabei nicht als Einfall hin, sondern als etwas ihm längst Vorhergesagtes, so dass die Übergabe eher wie eine Bestätigung wirkt denn wie eine Erfindung. Elessar ist die elbische Form; Elbenstein — in Tolkiens Text Elfstone — ist ihre Übersetzung, und beide stehen im Werk nebeneinander. Wo weder das eine noch das andere fällt, heißt das Kleinod schlicht der grüne Stein.

Der Name setzt sich danach rasch durch, und zwar zuerst im Mund derer, die ihn vergeben haben. In der Botschaft, die Gandalf aus Lórien an Aragorn weitergibt, ruft Galadriel ihn bereits so an und knüpft den Anruf ausdrücklich an den Stein, den er nun trägt. Als später die Graue Schar aus dem Norden zu ihm stößt und ihm ein zusammengerolltes Banner aus Bruchtal überbringt, schließt das begleitende Wort mit einem Abschiedsgruß an eben diesen Namen — die Absenderin nennt ihn nicht anders. Beide Stellen zeigen, dass Elbenstein für Aragorn kein Beiname unter vielen ist wie Streicher oder Estel, sondern der Name, unter dem ihn die Elben als künftigen Herrscher ansprechen; unter ihm nimmt er zuletzt auch die Krone an.

Wer den Stein gemacht hat, sagt der Roman nicht. Erst ein nachgelassener, von Christopher Tolkien mitgeteilter Text gibt eine ältere Geschichte, und er tut es in mehr als einer Fassung, ohne sie auszugleichen. Nach der einen schuf Enerdhil, ein Juwelier von Gondolin, den ersten Elessar; er kam an Idril und von ihr an Earendil und ging mit diesem über das Meer verloren, worauf Celebrimbor in Eregion für Galadriel einen zweiten fertigte. Nach der anderen brachte Olorin den Stein selbst aus dem Westen mit und übergab ihn ihr mit dem Hinweis auf einen späteren Träger. Gemeinsam ist beiden Fassungen die Wirkung des Juwels: Was durch es hindurch gesehen wird, erscheint ungeschädigt oder geheilt. Der Herausgeber vermerkt, dass sich zu diesem Punkt in den unveröffentlichten Papieren kaum mehr findet.

Gestalt und zugeschriebene Wirkung

Der Roman beschreibt das Kleinod knapp und ganz von außen: ein großer, klar grüner Stein, gefasst in Silber. Über Maß, Härte oder Machart verliert der Text kein Wort, und eine Inschrift, wie sie andere Kleinode des Buches tragen, hat er nicht; auch von einem Namen, der ihm eingeritzt wäre, ist nirgends die Rede. Kenntlich macht ihn sein Licht: als Galadriel ihn emporhebt, geht ein Aufblitzen von ihm aus, das die Erzählung mit Sonne durch junges Frühlingslaub vergleicht — also mit durchleuchtetem Grün, nicht mit eigenem Feuer. Was an ihm gedeutet wird, liegt in der Fassung, nicht im Stein: Silber und Adlergestalt weisen auf das Haus, dessen Erbe ihn empfängt.

Eine Kraft im engeren Sinn schreibt der Herr der Ringe dem Juwel nicht zu. Das Einzige, was der Übergabe unmittelbar folgt, ist eine veränderte Wahrnehmung der Umstehenden: nachdem Aragorn die Spange an seiner Brust befestigt hat, erscheint er ihnen aufrechter und königlicher, als hätten sich Jahre der Mühsal von seinen Schultern gelöst. Ob das dem Stein zukommt oder dem Augenblick, in dem ein lange verborgener Anspruch sichtbar wird, auch wenn Aragorn ihn vorerst ausdrücklich nicht erhebt, entscheidet der Erzähler nicht. Danach tritt der Gegenstand nicht mehr handelnd hervor: Er wird in keinem Gefecht gebraucht, gegen keinen Feind gerichtet, in keiner Not angerufen — er wird getragen, und er benennt. Auch wo Aragorn später Verwundeten aufhilft, führt der Text die Wirkung auf seine Hände und sein Erbe zurück, nicht auf das Schmuckstück, das er dabei trägt.

Erst die nachgelassene Darstellung rückt eine Tugend des Steins in den Blick, und sie tut es in einem Rahmen, der weniger vom Können des Trägers als von einem Bedürfnis her denkt: In beiden dort mitgeteilten Fassungen hängt das Juwel mit dem Wunsch zusammen, dem langsamen Welken der Länder etwas entgegenzusetzen, und in einer heißt es, in ihm sei Licht früherer, hellerer Tage gefasst. Genannt werden ein heilender Anblick, eine heilende Berührung und das Erblühen dessen, was man durch den Stein sah: Wer ihn hielt oder hindurchblickte, sah Welkes wieder schön werden. Ob jede Hand ihn so gebrauchen konnte oder ob seine Tugend Grenzen hatte, steht nicht dort. Der Herausgeber selbst hält fest, dass die Papiere über diesen Punkt hinaus kaum etwas hergeben — die Zurückhaltung ist damit nicht Auslegung, sondern Befund.

Weg durch die Zeitalter

Der älteste Abschnitt seines Weges liegt außerhalb des Romans und ist nur aus zweiter Hand überliefert. In der ausführlicheren der beiden nachgelassenen Darstellungen geht der Stein von seinem Verfertiger an Idril, die Tochter des Königs von Gondolin, und von ihr an ihren Sohn; mit dessen Fahrt über das Meer verlässt er Mittelerde und kehrt nicht zurück. Was später in Eregion aus derselben Kunst hervorgeht, ist deshalb kein wiedergefundenes, sondern ein zweites Stück, und der Bericht hält fest, dass es dem verlorenen an Kraft nachstand. Ein Jahr nennt er nicht; nur der Ort erlaubt eine grobe Einordnung, denn die Schmiedearbeit Eregions endete mit der Verwüstung des Landes und dem Tod seines größten Meisters im Jahr 1697 des Zweiten Zeitalters. In der kürzeren Fassung entfällt dieser Umweg ganz: dort kommt der Stein aus dem Westen unmittelbar in Galadriels Hand.

Für die lange Zwischenzeit bis zum Ringkrieg gibt es nur eine einzige überlieferte Linie, und sie verläuft in Galadriels eigenem Haus: Sie gab das Kleinod ihrer Tochter Celebrían, und von dieser kam es an deren Tochter Arwen. Wann das geschah, steht nirgends; Celebrían selbst wurde im Jahr 2509 des Dritten Zeitalters auf dem Weg nach Lórien überfallen und verwundet und ging im Jahr darauf über das Meer, so dass ihr Anteil an der Geschichte des Steins vor diesem Datum liegen muss. Wie das Juwel danach wieder nach Lórien zurückkam, sagt weder der Roman noch der nachgelassene Bericht. Der Roman zeigt es schlicht in Galadriels Hand, und die überlieferte Erbfolge lässt sich damit am ehesten so zusammenbringen, dass sie es an Arwens Stelle weitergab — als Vorgriff auf eine Verbindung, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht geschlossen war.

Der einzige Besitzwechsel, den der Roman selbst schildert — die früheren, von Galadriel zu Celebrían und weiter zu Arwen, nennt er nur im Rückblick —, fällt auf den 16. Februar 3019, den Tag, an dem die Gefährten Lórien verlassen und am Silberlauf die Abschiedsgaben empfangen. Von da an bleibt der Stein bei Aragorn, und zwar sichtbar an der Brust getragen, nicht verwahrt oder verborgen. Er geht mit ihm durch Rohan, über die Pfade der Toten, an die Küste und nach Gondor; keine der Stationen dieses Weges bringt ihn in fremde Hände, und der Text vermerkt weder Verlust noch Beschädigung. Auffällig ist, wie wenig Aufhebens die Erzählung danach von dem Gegenstand macht: Während andere Gaben derselben Stunde — die Bögen, die Seile, die Schachtel mit der Erde des Gartens — in späteren Kapiteln ihren Auftritt haben, tritt der grüne Stein nur noch als Merkmal seines Trägers auf.

Mit der Krönung am 1. Mai 3019 und der Vermählung am Mittjahrstag desselben Jahres wird aus dem Zeichen einer Anwartschaft das Kleinod eines regierenden Königs; der Name, den Aragorn mit dem Stein empfangen hatte, ist von da an sein Herrschername im Süden. Ein weiterer Übergang wird nicht berichtet. Aragorn legte nach hundertzwanzig Jahren des Vierten Zeitalters Krone und Zepter aus freiem Entschluss nieder und gab beides an seinen Sohn Eldarion, doch ob der Elbenstein diesen Weg mitging, in Gondor blieb oder mit den Letzten der Elben nach Westen zurückkehrte, steht in keiner Quelle. Er ist damit eines der wenigen bedeutenden Kleinode des Werkes, deren Geschichte weder mit Zerstörung noch mit Verlust endet, sondern schlicht abbricht — das letzte Bild, das die Bücher von ihm geben, ist das eines getragenen Schmuckstücks.

Rolle in der Erzählung

Die Gabe fällt an eine Nahtstelle des Buches. Ein Kapitel zuvor hat Galadriel den ihr angebotenen Ring ausgeschlagen; unmittelbar danach gibt sie aus freien Stücken fort, was ihr gehört. Der Roman stellt damit zwei Kleinode nebeneinander, ohne den Vergleich auszusprechen: eines, das Macht verspricht, genommen werden will und verborgen getragen wird, und eines, das ohne Bedingung übergeht, offen auf der Brust sitzt und seinem Träger nichts abverlangt. Für Aragorn kommt der Stein in dem Augenblick, in dem seine Entscheidung noch offen ist und er selbst nicht weiß, ob sein Weg nach Minas Tirith oder mit dem Ringträger nach Osten führt. Die Gabe klärt nicht, was er tun wird, sondern was er ist — sie legt seinen Anspruch fest, bevor die Handlung ihn einlöst.

Zugleich verknüpft das Juwel zwei Stränge, die im Haupttext sonst kaum aneinanderstoßen. Der Krieg um Gondor wird erzählt, die Verbindung mit Arwen fast nur angedeutet; wer allein der Haupthandlung folgt, sieht einen grünen Stein, ein Banner aus Bruchtal und einen Namen, aber keinen ausgesprochenen Zusammenhang. Erst der Anhang trägt nach, dass Elrond seine Tochter niemand Geringerem als dem König beider Reiche zugesagt hatte. Von dort aus liest sich der Stein rückwärts als Pfand: Er macht den privaten Einsatz sichtbar, der an Aragorns öffentlichem Anspruch hängt, und tut es, ohne dass eine Figur ihn erklären müsste.

Bezeichnend ist auch, in welcher Gesellschaft der Stein wieder auftaucht. In demselben Kapitel, in dem Arwens Gruß ihn bei seinem Steinnamen ruft, gesteht Aragorn, dass er sich mit dem Sehstein von Isengart gemessen hat — ein Ringen, das ihn erkennbar mitnimmt. Beide Kleinode gehören dem Hause Elendil, doch das eine wird gebraucht und kostet, das andere wird bloß getragen. Der Roman gibt dem Zeichen der Erneuerung damit die stillere Rolle: Es wirkt nicht, es wird gesehen, und was es an Aragorn ändert, ändert es in den Augen der anderen.

In den Entwürfen

Der Name ist in Tolkiens Papieren älter als der Gegenstand. In den frühen Fassungen der Bree-Kapitel schließt sich den Hobbits ein Gefährte namens Trotter an, zunächst selbst ein Hobbit mit hölzernen Schuhen; erst über mehrere Umarbeitungen wurde daraus ein Mann von númenórischer Abkunft. Zwischen diesem Umbau und der endgültigen Lösung stand lange ein weiterer Name im Raum: Elfstone. Tolkien erwog ihn nicht als Beinamen neben anderen, sondern als den eigentlichen Namen der Figur, und in Handschriften der Lórien-Kapitel steht er dort, wo der Druck später Aragorn setzt; die begleitenden Notizen wägen beide Möglichkeiten gegeneinander ab, ohne schnell zu entscheiden. Die veröffentlichte Fassung teilt das Erwogene schließlich auf: Aragorn bleibt der Name, und Elbenstein wird zu dem, was ihm mit einer Gabe zugesprochen wird.

Diese Reihenfolge — erst der Name, dann der Stein — erklärt eine Eigentümlichkeit des fertigen Textes, nämlich dass die Benennung in Lórien wie die Einlösung von etwas Vorausgesagtem klingt. Ebenso spät ist der Zusammenhang, in den das Kleinod dort gestellt wird. Die Handlungsentwürfe derselben Arbeitsphase sehen für die Figur einen anderen Ausgang vor: Trotter beziehungsweise Elfstone sollte Éowyn heiraten, und die Verbindung mit Elronds Tochter gehört noch nicht zum Plan. Die Erbfolge Galadriel–Celebrían–Arwen, an der das Juwel im Buch hängt, und mit ihr seine Bedeutung als Pfand einer elbischen Bindung sind damit eine jüngere Schicht, die über einen bereits gefundenen Namen gelegt wurde. Auch die ältere Geschichte des Steins unter den Elben ist in keiner Entwurfsstufe des Romans erzählt worden; sie steht ausschließlich in nachgelassenen Texten außerhalb der Erzählung.

In den Adaptionen

In Peter Jacksons Filmtrilogie (2001–2003) hat der grüne Stein kein Gegenstück. Die Szene der Abschiedsgaben in Lórien fehlt im Kinoschnitt des ersten Films und ist erst in der erweiterten Fassung enthalten; ein Juwel empfängt Aragorn auch dort nicht. Was der Roman an das Kleinod bindet — ein Pfand aus elbischer Hand, das Hoffnung bezeichnet und zugleich einen Anspruch —, hat der Film auf ein anderes Stück verlagert: auf den Anhänger, den Arwen ihm bereits in Bruchtal gibt. Das Motiv wandert damit gleich mehrfach: von Lórien nach Bruchtal, von der Großmutter auf die Enkelin, vom Zeichen einer künftigen Königswürde zum Liebespfand — und es hört auf, ein Name zu sein, denn ein Beiname, der sich von einem Juwel herleitet, spielt in den Filmen keine tragende Rolle. Auch die zweite Buchstelle entfällt: Die Graue Schar zieht nicht aus dem Norden heran, ein Banner wird nicht überbracht; stattdessen bringt Elrond selbst das neu geschmiedete Schwert in Aragorns Lager, und mit dem Boten fällt die mitgeführte Botschaft samt Anrede fort.

Bei den älteren Bearbeitungen entscheidet schon der Zuschnitt. Ralph Bakshis Zeichentrickfilm (1978) erzählt etwa die erste Hälfte des Buches und bricht nach der Schlacht in der Klamm ab; die Stelle, an der der Name zum zweiten Mal fällt, liegt damit jenseits seines Endpunkts. Der Fernsehfilm des Studios Rankin/Bass (1980) setzt umgekehrt erst beim letzten Teil der Handlung ein, sodass die Übergabe in Lórien vor seinen Anfang fällt. Beide Fassungen zusammen decken die Geschichte nicht lückenlos ab, und die zwei Auftritte des Kleinods verteilen sich ausgerechnet auf die beiden Seiten dieser Lücke. Allein die Hörspielfassung der BBC (1981) hat mit sechsundzwanzig halbstündigen Folgen den Raum für beide Szenen; sie gilt als die buchnächste der frühen Bearbeitungen. Ihr Medium setzt dem Gegenstand jedoch eine eigene Grenze: Ein Stein, der nichts tut und nicht gebraucht wird, kann im reinen Sprechtheater nur als genannter Name bestehen, während der Roman ihn vor allem sichtbar auf der Brust seines Trägers sitzen lässt.