Herkunft und Namen

Der Name Nimloth entstammt dem Sindarin und setzt sich aus den Elementen für „bleich, weiß“ und „loth“, einer Blüte oder Blume, zusammen — am ehesten also als „Bleiche Blüte“ oder „Weiße Blüte“ zu deuten. In den Überlieferungen wird der Baum meist mit dem Beinamen „die Schöne“ versehen, Nimloth die Schöne, während spätere, eher beschreibende Rede ihn schlicht als den Weißen Baum von Númenor bezeichnet. Bemerkenswert ist, dass derselbe Name Zeitalter zuvor bereits einer Elbin in Doriath gehörte, der Gemahlin Diors; zwischen den beiden Namensträgerinnen besteht jedoch kein überliefertes Verwandtschaftsverhältnis, und Verwechslungen sind allein dem gleichlautenden Namen geschuldet.

Der Überlieferung nach war Nimloth kein für sich stehendes Gewächs, sondern der jüngste Spross einer langen Ahnenreihe Weißer Bäume. Er ging zurück auf Celeborn, den Baum, der auf Tol Eressea wuchs, und dieser wiederum war ein Abkömmling Galathilions, jenes Baumes zu Tirion, den Yavanna nach dem Vorbild Telperions, des älteren der Zwei Bäume von Valinor, geschaffen hatte. Über diese Kette von Sprösslingen führte Nimloths Herkunft mittelbar auf das Licht der Bäume von Valinor selbst zurück, wenn auch nur als Widerschein, nicht als eigene Lichtquelle.

Als Geschenk der Eldar von Tol Eressea gelangte der junge Baum in den frühen Tagen des Königreichs nach Númenor, wohin ihn die Elben den Menschen der Insel überbrachten. In den Höfen des Königs zu Armenelos gepflanzt, wuchs er heran und trug fortan den Namen, unter dem er in die Geschichte einging. Von den Königen und ihrem Haus über Generationen gehegt, wurde der Baum zum lebendigen Wahrzeichen der Verbindung zwischen den Eldar und den Dúnedain und erhielt eben deshalb, anders als manche seiner namenlosen Vorfahren, einen eigenen, feststehenden Namen.

Beschaffenheit und Wesen

Nimloth war ein immergrüner Baum mit weißen, wohlriechenden Blüten, wie schon der Beiname „die Schöne“ und die spätere Bezeichnung als Weißer Baum andeuten. In seiner Gestalt folgte er dem Vorbild der gesamten Ahnenreihe, der er entstammte: Wie schon Galathilion zu Tirion, von Yavanna nach Telperions Bild geschaffen, besaß auch Nimloth kein eigenes Licht. Er war ein Abbild, keine Lichtquelle — jede Blüte erinnerte an den älteren der Zwei Bäume von Valinor, ohne dessen strahlende Kraft zu teilen. Mit jeder Generation, von Galathilion über Celeborn bis zu Nimloth, minderte sich zudem, der Überlieferung nach, etwas von der Fülle des Vorbildes, sodass der Baum in Armenelos als ferner, gedämpfter Nachklang jenes uralten Lichtes zu verstehen ist, nicht als dessen Gleichnis in voller Kraft.

Über seine Blühkraft berichten die Quellen nur zurückhaltend: Der Baum trug nicht in jedem Jahr Blüten, und wenn er blühte, galt dies als kostbares, denkwürdiges Ereignis, keineswegs als selbstverständlicher Lauf der Natur. Gepflegt wurde er von den Königen Númenors und ihrem Haus in den Höfen zu Armenelos, wo er als lebendiges Kleinod im Mittelpunkt königlicher Fürsorge stand. Diese Sorgfalt war jedoch reine Verehrung und Erinnerung an das Bündnis mit den Eldar und den Valar, keine Beschwörung verborgener Kräfte: Dem Baum selbst schreibt der Text keinerlei Schutz-, Seh- oder Segenskraft zu, wie sie mancher spätere Deuter ihm zugesprochen hat.

Bezeichnend ist, wie eng der äußere Zustand des Baumes mit der inneren Verfassung des Reiches verknüpft erscheint, ohne dass ihm dabei eigenes Bewusstsein oder eigener Wille zugeschrieben würde. Als sich die Herzen der Númenórer von den Valar abwandten und dem Kult Saurons zuneigten, wurde die Pflege um Nimloth vernachlässigt; sein Blühen, ohnehin selten, wurde noch seltener, und der Baum galt zunehmend als überflüssiges Überbleibsel eines verworfenen Glaubens. Der Text deutet diesen Niedergang als Spiegelbild der Entfremdung des Volkes, nicht als Reaktion einer eigenständig empfindenden Macht des Baumes selbst — Nimloths Bedeutung blieb bis zuletzt eine symbolische, keine magische.

Geschichte

Über viele Geschlechter des Hauses Elros hinweg wuchs Nimloth ungestört in den Höfen zu Armenelos heran und wurde von den Königen als Erbstück ihres Bündnisses mit den Eldar gehütet. Erst mit dem Aufstieg Ar-Pharazôns und der Ankunft Saurons, der als Gefangener nach Númenor gebracht wurde, sich aber binnen kurzem zum engsten Berater des Königs aufschwang, wendete sich das Blatt. Sauron drängte den Hof, sich von den Valar abzuwenden und dem Kult Melkors zuzuwenden, und der Baum, als sichtbares Zeichen der alten Bindung an Eldar und Valar, geriet zunehmend in den Ruf eines überkommenen Fremdkörpers am Königshof.

Auf Saurons beharrliches Drängen hin ordnete Ar-Pharazôn schließlich an, Nimloth zu fällen, gegen den entschiedenen, aber machtlosen Widerstand jener Getreuen, die dem alten Glauben noch anhingen. Das Holz des gefällten Baumes wurde als erstes Brennmaterial für das Feuer auf dem Altar des Melkor-Tempels zu Armenelos verwendet, sodass seine Zerstörung unmittelbar mit dem neuen Kult verknüpft war. Wenig später, im Jahr 3319 des Zweiten Zeitalters, ereilte Númenor der Untergang, den viele Erzähler als unmittelbare Folge dieser und ähnlicher Frevel gegen die Ordnung der Valar deuten.

Bevor der Baum fiel, gelang es Isildur, dem Sohn Elendils, sich unter Verkleidung an den bereits streng bewachten Baum heranzuwagen und eine seiner Früchte zu pflücken. Bei der Flucht wurde er von den Wachen schwer verwundet, entkam jedoch mit der geretteten Frucht und hielt sie verborgen, bis sie heimlich Wurzeln schlug und zu einem jungen Setzling heranwuchs. Dieser Setzling war fortan das Einzige, was von Nimloth der Schönen der Nachwelt erhalten blieb.

Als Elendil und seine Söhne mit den Getreuen vor dem Untergang Númenors über das Meer nach Mittelerde entkamen, führten sie den jungen Baum als eines der geretteten Kleinode mit sich. Nach der Gründung der Reiche im Exil pflanzte Isildur den Setzling in den Hof des Königshauses zu Minas Ithil, wo er als lebendiges Zeugnis der versunkenen Insel und ihres verlorenen Baumes weiterwuchs.

Als Minas Ithil im Jahr 3429 des Zweiten Zeitalters von Saurons Heeren überrannt wurde, war bereits eine zweite Frucht dieses Baumes gesichert worden, aus der später jener Baum erwuchs, den man in der Zitadelle von Minas Tirith pflanzte. Mit ihm setzte sich die Ahnenreihe fort, die von Telperion über Galathilion und Celeborn zu Nimloth geführt hatte; die weitere Geschichte dieses Nachfahren in Minas Tirith, des Weißen Baumes von Gondor, gehört jedoch bereits einem eigenen, späteren Kapitel an.

In der Erzählung

Innerhalb der erzählten Geschichte tritt Nimloth nicht als handelnde Figur auf, sondern als stummer Gradmesser für den Zustand Númenors selbst. Solange das Königshaus dem Baum die gebührende Pflege zuteilwerden lässt, spiegelt dies die fortbestehende Treue der Dúnedain zu den Valar und den Eldar von Tol Eressea; sobald diese Treue bröckelt, wird auch der Baum zur Nebensache, an der niemand mehr Anstoß nimmt, bis seine Fällung schließlich als bloße Formalität eines bereits vollzogenen inneren Abfalls erscheint. Der Erzähler nutzt den Baum damit als Prüfstein, an dem sich ablesen lässt, wie weit sich ein Volk von seinen Ursprüngen entfernt hat, ohne dass ein Wort über innere Beweggründe nötig wäre.

Zugleich verknüpft die Erzählung den Baum mit dem Motiv der Bewahrung angesichts drohenden Verlusts: Isildurs nächtliche Rettungstat, unter Lebensgefahr und gegen den Willen der Machthaber ausgeführt, steht erzählerisch jener kollektiven Gleichgültigkeit gegenüber, mit der das Volk den Untergang seines eigenen Erbes hinnimmt. Ein Einzelner bewahrt im Verborgenen, was die Vielen preisgeben, und diese Spannung zwischen öffentlichem Verfall und privater Treue trägt die Episode über die reine Chronik hinaus. Der gerettete Kern ist dabei bewusst unscheinbar gehalten, eine einzelne Frucht, kein Zweig und kein ganzer Baum, was die Zerbrechlichkeit dessen unterstreicht, was am Ende von einer ganzen Ordnung übrigbleibt.

Über den unmittelbaren Kontext Númenors hinaus wirkt Nimloth in der Erzählung als Ursprungspunkt einer Kontinuität, die weit in die Geschichte Mittelerdes hineinreicht, ohne dass der Baum selbst diese spätere Bedeutung je erfährt oder gestaltet. Er steht damit sinnbildlich für all jene Reste einer versunkenen Ordnung, die sich, oft unscheinbar und durch Zufall oder Einzelnen bewahrt, in die neue Welt hinüberretten und dort im Verborgenen fortwirken, lange bevor ihre Tragweite erkennbar wird.