Namen und Fertigung
Der älteste Bericht über das Hemd nennt keinen Meister, wohl aber den Werkstoff: Silberstahl, den die Elben Mithril nennen. Im „Hobbit“ zieht Thorin Eichenschild das kleine Kettengewand aus Smaugs Hort hervor und beschreibt es als lange zuvor für einen jungen Elbenprinzen gearbeitet; der Erzähler spricht von einem Geflecht aus silbrig glänzendem Stahl, dazu von einem Gürtel mit Perlen und Kristallen. Wer die Ringe schmiedete, in welcher Werkstatt und in welchem Zeitalter, bleibt an dieser Stelle offen — festgehalten ist nur, dass das Stück alt war und ursprünglich einem anderen Träger zugedacht. Erst achtundsiebzig Jahre später, in Lothlórien, erkennt Gimli den Stoff und nennt ihn beim Namen; ein so schön gearbeitetes Hemd, sagt er, sei ihm nie begegnet.
Die Benennung des Gegenstands folgt zwei verschiedenen Blickwinkeln. Bilbo Beutlin spricht, als er es weitergibt, von seinem Zwergenhemd, das er Thorin verdanke — der Name hält also die Herkunft aus dem Hort unter dem Einsamen Berg fest, nicht das Material. Gandalf wiederum erklärt beim Zug durch Moria, wie der Werkstoff heißt: Mithril sei der Name der Elben, daneben stünden Bezeichnungen wie Moria-Silber und Wahr-Silber, während die Zwerge einen eigenen Namen dafür hätten, den sie nicht preisgäben. Aus dieser Erklärung heraus setzt sich später die Bezeichnung Mithrilhemd durch, die nicht den Geber, sondern das Metall in den Vordergrund rückt. Beide Namen meinen dasselbe Stück, und beide sind im Text belegt.
Das Wort selbst ist sindarinisch und aus zwei geläufigen Elementen gefügt: mith „grau“, das auch in Mithrandir und Mithrim steckt, und ril „Glanz“, wie in Silmaril und Idril. Der Name beschreibt also nichts anderes als den grauen Schimmer des Metalls und sagt über Schmied oder Alter des Hemdes nichts aus. Auf die Frage nach dem Hersteller bleiben die Quellen damit stumm; sicher ist allein, dass Mithril in Mittelerde nur unter Moria gefunden und dort gefördert wurde, und dass das Hemd über den Hort des Erebor in Bilbos Hände kam.
Beschaffenheit und Wirkung
Genau beschrieben wird das Hemd erst in Bruchtal, als Frodo Beutlin es zu sehen bekommt. Es besteht aus vielen eng gefügten kleinen Ringen, ist biegsam beinahe wie Leinentuch und fühlt sich zugleich kühl an — der Erzähler greift zum Vergleich mit Eis —, dabei härter als Stahl; sein Schimmer wird dem Silber im Mondlicht verglichen, und weiße Steine sind in das Geflecht eingesetzt. Für den Gebrauch entscheidend ist das geringe Gewicht: Man kann das Hemd unter der gewöhnlichen Oberkleidung tragen, ohne dass ein Außenstehender etwas bemerkt, und genau so trägt Frodo es während der gesamten Reise. Dass ein ursprünglich für einen anderen Träger gearbeitetes Stück den Hobbits ohne erwähnte Änderung passt, hält der Text fest, ohne es zu erklären.
Was den Werkstoff auszeichnet, legt Gandalf beim Zug durch Moria dar: Mithril lässt sich wie Kupfer treiben und wie Glas polieren, und die Zwerge verstanden es, daraus ein Metall zu gewinnen, das leichter und zugleich fester ist als gehärteter Stahl. Sein Aussehen gleicht dem gewöhnlichen Silber, doch anders als dieses läuft es nicht an und verliert seinen Glanz nicht. Den Wert des Hemdes veranschlagt Gandalf bei derselben Gelegenheit höher als das Auenland samt allem, was darin ist — eine Schätzung, die auf die Seltenheit des Stoffes zielt, nicht auf eine besondere Kraft des Stücks. Gimlis spätere Bemerkung in Lothlórien betrifft die Güte der Arbeit und bestätigt, dass er dieses Urteil noch für zu niedrig hält.
Erprobt wird das Hemd genau einmal, und der Text beschreibt die Wirkung nüchtern. In der Kammer von Mazarbul stößt ein Orkhauptmann Frodo den Speer mit solcher Wucht gegen die Wand, dass er ihn festnagelt; die Spitze dringt nicht ein, doch Frodo trägt eine schwere Prellung an Seite und Brust davon, die ihm tagelang zu schaffen macht und erst am Rastplatz wenige Meilen jenseits der Tore Morias bemerkt und versorgt wird. Der Schutz reicht also nur so weit wie das Gewebe selbst: Als Kankra ihn im Paß angreift, trifft ihr Stachel den Hals, den das Hemd nicht deckt, und gegen das Gift richtet es nichts aus. Gegen die Last des Ringes hilft es ebenso wenig. Über Härte, Leichtigkeit und Dauerhaftigkeit hinaus schreiben die Quellen dem Hemd keine Eigenschaft zu — es warnt nicht, leuchtet nicht und verbirgt seinen Träger nicht; es ist ein Stück Handwerk aus einem seltenen Metall.
Wege und Besitzer
Der belegbare Weg des Hemdes beginnt nicht bei seinem Schmied, sondern im Schatz unter dem Einsamen Berg. Spätestens seit dem Jahr 2770 des Dritten Zeitalters, als Smaug den Berg überfiel und den Hort der Zwerge an sich brachte, lag es dort; ob es zuvor schon zum Besitz von Thrors Haus gehörte oder mit anderer Beute dorthin gelangt war, sagen die Quellen nicht. Rund siebzehn Jahrzehnte blieb es unbewegt, bis Bilbo Beutlin und Thorins Gemeinschaft 2941 in die Hallen zurückkehrten und Thorin dem Hobbit das Stück aus dem Schatz reichte, als man sich in der Bergfeste zum Kampf rüstete; dazu kamen ein lederner Helm und ein Gürtel. In der Schlacht der Fünf Heere trug Bilbo das Hemd, doch nieder streckte ihn ein Steinwurf gegen den Kopf, gegen den kein Kettengeflecht half. Es blieb bei ihm, als er im folgenden Jahr über Bruchtal in den Westen zurückzog.
Im Auenland verlor das Hemd für sechs Jahrzehnte jeden Gebrauchswert und wurde zu einem Schaustück. Bilbo gab es als Leihgabe an das Mathomhaus in Michelbinge, jene Sammlung in der Hauptsiedlung des Westviertels, in der die Hobbits Dinge verwahrten, für die sie keine Verwendung, aber auch nicht das Herz zum Wegwerfen hatten. Dass unter diesen Erbstücken der wertvollste Gegenstand des Landes hing, bemerkte offenbar niemand; auch Bilbo sprach später eher beiläufig davon. Vor seinem Aufbruch im Jahr 3001 holte er es zurück, nahm es mit über die Berge und verwahrte es die folgenden siebzehn Jahre in Bruchtal, zusammen mit dem Schwert Stich.
Am Tag des Aufbruchs der Gemeinschaft, im Dezember 3018, rief Bilbo Frodo Beutlin in seine Kammer und gab ihm beides. Die Übergabe geschah ohne Zeugen, und Frodo behielt sie für sich: Er zog das Hemd unter Kittel und Oberkleidung an und ließ die anderen Gefährten im Ungewissen, auch als der Zug in den Süden ging. Erst der Speerstoß in der Kammer von Mazarbul im Januar 3019 gab es preis, und in Lothlórien wurde offen darüber gesprochen. Von da an begleitete es Frodo über die Emyn Muil, durch die Totensümpfe und durch Ithilien bis an die Grenzen von Mordor, ohne dass die Erzählung es weiter erwähnte.
Verloren ging es am 13. März 3019 in Cirith Ungol. Die Orks, die den betäubten Frodo aus Kankras Netz schnitten, nahmen ihm die Kleider ab, und über das Hemd geriet die Besatzung des Turms mit der Wache aus Minas Morgul in Streit — beide Hauptleute wussten, dass ein solcher Fund unverzüglich nach Barad-dûr zu melden war, und keiner wollte ihn dem anderen lassen. Der Streit half den Hobbits: Er entvölkerte den Turm, so dass Sam Gamdschie den Gefangenen befreien konnte, doch Shagrat war zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Hemd, dem grauen Mantel und dem Schwert entkommen. Frodo legte für den letzten Weg Orkzeug an.
Wieder auf kam das Hemd zwölf Tage später vor dem Schwarzen Tor. Der Abgesandte Saurons trat vor das Heer des Westens und hielt die drei Stücke hoch, um zu beweisen, dass der Spion, den man suchte, in seiner Hand sei; die Bedingungen, die er daran knüpfte, zielten auf die Unterwerfung Gondors. Gandalf nahm ihm die Pfänder ab, ehe die Unterhandlung abbrach, und behielt sie, ohne den Handel einzugehen. Damit endet die zusammenhängende Überlieferung: Das Hemd war Sauron entwunden und lag bei Gandalf, während sein Träger noch in Mordor unterwegs war, und die Quellen verfolgen seinen weiteren Verbleib nicht mehr mit derselben Genauigkeit.
Rolle in der Erzählung
Erzählerisch ist das Hemd eines der Stücke, die den „Hobbit“ mit dem späteren Buch verklammern. Es stammt aus einer Beute, die dort noch heiter verteilt wird, und taucht Jahrzehnte später in einem Zusammenhang wieder auf, in dem nichts mehr harmlos ist: Bilbo Beutlin gibt Frodo Beutlin in Bruchtal Schwert und Panzerhemd, während der Ring, das dritte Stück aus derselben Reise, bereits als Last auf dem Empfänger liegt. Der Gegenstand trägt damit die Nebenwirkung eines alten Abenteuers in eine Erzählung hinein, die von dessen Folgen handelt. Zugleich dient er als Maßprobe zweier Welten: Was jahrelang im Mathomhaus als kurioses Erbstück lag, ist nach Gandalfs Rechnung in Moria mehr wert als das ganze Land, in dem es aufbewahrt wurde — ein Satz, der weniger das Hemd bemisst als die Ahnungslosigkeit des Auenlands.
Dass die Probe ausgerechnet unter Khazad-dûm stattfindet, gehört zur Anlage der Erzählung. Der Stoff wird dort gefunden und gefördert, die Gier nach ihm hat den Untergang des Reiches mit heraufgeführt, und in denselben Hallen bewahrt er dem Ringträger das Leben. Bis dahin bleibt das Hemd verborgen: Frodo trägt es unter der Kleidung, sagt keinem der Gefährten davon — nur Gandalf weiß, was Bilbo ihm gab —, und erst der Stoß des Orkhauptmanns bringt es ans Licht. Der Leser erfährt so gemeinsam mit den Gefährten, dass die Reise seit Bruchtal an einem Gegenstand hing, von dem außer dem Träger keiner wusste — eine Rettung, die vorbereitet war, ohne angekündigt worden zu sein.
Im letzten Drittel wechselt das Hemd die Funktion und wird vom Schutz zum Zeichen. Für die Orks im Turm ist es Beutegut und Meldepflicht zugleich, für den Abgesandten vor dem Schwarzen Tor ein Beweisstück, das den Willen des Heeres brechen soll. Gerade weil es kostbar aussieht, führt es die Feinde in die Irre: Sie schließen daraus auf einen bedeutenden Gefangenen und nicht auf den Ring, den sie suchen müssten. Sein Träger geht unterdessen ohne es weiter, in erbeutetem Orkzeug, und die Erzählung nimmt ihm damit vor dem schwersten Stück Weges das Letzte, was ihn von außen decken konnte.
In Verfilmungen und Hörspielen
In Peter Jacksons Verfilmung des „Herrn der Ringe“ (2001–2003) behält das Hemd seinen Platz an den entscheidenden Stationen, doch die mittlere ist umgestellt. Bilbo Beutlin holt es in Bruchtal hervor und gibt es zusammen mit Stich an Frodo Beutlin weiter; die Leihgabe im Mathomhaus und überhaupt die Jahrzehnte im Auenland entfallen ersatzlos, und auch die Herkunft aus dem Hort wird nur angedeutet. In Moria führt nicht ein Orkhauptmann den Stoß, sondern der Höhlentroll, der die Gefährten in der Kammer angreift und Frodo mit seiner Waffe gegen die Wand drückt — der Träger steht unversehrt wieder auf, während die im Buch beschriebene Prellung, die tagelang nachwirkt und erst in Lothlórien versorgt wird, keine Entsprechung findet. Die späteren Auftritte liegen wieder näher an der Vorlage: Die Besatzung des Turms gerät über den Fund in Streit, und Shagrat bringt ihn aus der Feste. Die Szene vor dem Schwarzen Tor, in der der Abgesandte Saurons das Stück als Beweismittel vorzeigt, steht allein in der verlängerten Fassung des dritten Films; die Kinofassung verzichtet auf die Unterhandlung ganz.
Jacksons Hobbit-Trilogie (2012–2014) trägt die früheste Station nach und zeigt, wie Thorin Eichenschild dem Hobbit das Hemd im Berg übergibt. Anders als im Roman geschieht das nicht beim Rüsten der Gemeinschaft und ohne die dort mitgenannten Beigaben aus lederner Kappe und Gürtel, sondern als ein einzelnes Geschenk zwischen den beiden, das die Filme in Thorins Verhältnis zum Schatz einbetten. Die älteren Bearbeitungen erfassen den Gegenstand nur teilweise, schon wegen ihres Zuschnitts: Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978 bricht nach dem Kampf um Helms Klamm ab, so dass der Verlust in Cirith Ungol und der Auftritt vor dem Schwarzen Tor außerhalb seines Rahmens bleiben, während der Rankin/Bass-Film von 1980 erst beim letzten Teil der Handlung einsetzt, zu einem Zeitpunkt also, an dem der Träger das Hemd längst nicht mehr besitzt. Die sechsundzwanzigteilige Hörspielreihe der BBC von 1981 gilt als die vollständigste der frühen Fassungen; da ihr das Bild fehlt, kann ein Gegenstand dort nur bestehen, soweit die Figuren von ihm sprechen — was das Buch der Beschreibung überlässt, muss im Hörspiel gesagt werden.