Name und Benennung

Emyn Muil ist ein Name aus dem Sindarin, der Sprache der Grauelben, die in Gondor als Sprache der Ortsnamen weiterlebte. Das erste Glied ist leicht zu deuten: Emyn ist die Mehrzahl von amon, dem gewöhnlichen Sindarin-Wort für einen Hügel oder Berg. Der Plural entsteht durch einen Vokalwechsel im Wortinneren, wie er für diese Sprache kennzeichnend ist. Die Einzahl begegnet in derselben Landschaft gleich zweimal, nämlich in Amon Hen und Amon Lhaw, den beiden Höhen am Südende des Hügellandes, die den See Nen Hithoel zu beiden Seiten flankieren. Die Mehrzahl kehrt in anderen Gebieten wieder, etwa bei den Emyn Arnen in Ithilien. Der Name ordnet sich damit in eine ganze Reihe gondorischer Landschaftsbezeichnungen ein, die einfach eine Hügelgruppe benennen und ein unterscheidendes Beiwort anfügen.1

Das zweite Glied, muil, ist schwerer zu fassen. Der Roman übersetzt es nirgends, und eine Deutung, die sich allein auf die zu Lebzeiten veröffentlichten Texte stützt, lässt sich nicht geben. Der Leser erfährt vom Charakter der Gegend nur aus der Erzählung selbst: Frodo und Sam irren tagelang durch ein Gewirr aus kahlem Gestein, steilen Abbrüchen und Dorngestrüpp, bevor sie einen Abstieg zu den Totensümpfen finden. Diese Schilderungen legen nahe, dass der Name auf etwas Unwirtliches zielt. Eine Bedeutung des Wortes belegen sie jedoch nicht, und dieser Artikel verzichtet daher auf eine eigene Übersetzung.2

Im Roman gebrauchen den Namen vor allem diejenigen Gefährten, die das Land am Großen Strom aus der Überlieferung Gondors kennen. Von ihnen übernehmen ihn die Hobbits, denen die Gegend zuvor fremd war. Auffällig ist eine Eigenheit des englischen Erzähltextes: Er stellt dem Namen häufig ein erklärendes Wort für Hügel voran und verbindet es mit einem Beiwort der Öde. Da emyn selbst schon Hügel bedeutet, entsteht eine Doppelung. Solche Doppelungen stellen sich oft ein, wenn der Sinn eines fremdsprachigen Namens den Sprechern nicht mehr unmittelbar gegenwärtig ist. Eine eigenständige Bezeichnung der Gegend in der Gemeinsprache oder in der Sprache Rohans ist in den Erzählwerken nicht belegt.3

  1. 1Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names; Der Herr der Ringe, Buch II, The Great River
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch IV, The Taming of Sméagol
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch II, The Great River

Lage und Gestalt

Die Emyn Muil liegen dort, wo das Wilderland nach Süden hin endet und der Anduin seinen Lauf aus den offenen Ebenen in ein enges Bergland verlegt. Wer den Großen Strom von Norden her befährt, lässt zuerst die Braunen Lande hinter sich, einen verödeten Landstrich zwischen dem Südlichen Düsterwald und diesen Höhen. Danach werden die Ufer steiniger, und vor dem Reisenden wachsen dunkle Hänge auf, die das Licht abschneiden und keinen Durchlass erkennen lassen. Den Eingang in das Hügelland bewachen die Stromschnellen des Sarn Gebir, an denen die Gefährten ihre Boote aus dem Wasser nehmen und über Land tragen müssen. Dahinter führt der Fluss durch die Argonath, die steinernen Bilder alter Könige, die einst die Nordgrenze Gondors bezeichneten.1

Der Strom teilt das Hügelland in zwei Hälften. Im Inneren weitet er sich zu dem See, an dessen Ufern die bereits genannten Höhen stehen, und an seinem Südende stürzt er über die Fälle des Rauros in die Niederungen hinab. Westlich des Flusses bildet das Bergland einen Wall gegen Rohan: Aragorn, Legolas und Gimli überqueren diese Seite, als sie den Spuren der Orks folgen, und steigen an ihrem Rand in die Grasländer der Riddermark hinab. Die östliche Hälfte ist ein verwinkeltes Gelände aus Felsgraten, Schluchten und schroffen Abbrüchen, das kaum einen gangbaren Weg bietet.2

Gerade dieser östliche Teil wird im Roman zum Hindernis. Frodo und Sam suchen dort mehrere Tage lang einen Ausweg nach Osten, geraten immer wieder an Kanten, die senkrecht abfallen, und kehren zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Erst mit Hilfe des Seils aus Lórien überwinden sie eine der letzten Klippen. Am Fuß des Hügellandes beginnen im Südosten die Totensümpfe, sodass die Emyn Muil wie eine erhöhte Schwelle über jenem Moorland liegen. Dahinter erheben sich in der Ferne die Randgebirge Mordors, auf die der Weg der Hobbits von hier an zuläuft.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 9
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 1; Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 2
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 1

Geschichte

Die Emyn Muil haben keine Gründung im eigentlichen Sinn. Sie sind kein Bauwerk und keine Siedlung, sondern ein Stück Bergland, das in den Überlieferungen stets schon vorhanden ist. Aus den frühen Zeitaltern ist über sie nichts berichtet, und es gibt auch keinen Hinweis, dass je ein Volk sich dauerhaft zwischen ihren Felsen niedergelassen hätte. Die Geschichte der Gegend beginnt deshalb bei den Nachbarn. Nördlich der Höhen liegen die Braunen Lande, deren Verödung schon den Elben von Lórien rätselhaft war. Celeborn wusste nicht zu sagen, ob Krieg, Seuche oder Saurons Wirken sie verursacht hatte. Baumbart dagegen erinnert sich, dass dort einst die Gärten der Entfrauen lagen und dass sie im Krieg zugrunde gingen. So beginnt die Überlieferung dieser Gegend mit einem Verlust, der vor jeder Menschenerinnerung liegt.1

Greifbar wird die Geschichte der Emyn Muil erst mit Gondor. Als der Königssohn Minalcar, der spätere Rómendacil II., im Jahr 1248 des Dritten Zeitalters die Ostlinge geschlagen hatte, befestigte er das westliche Stromufer nordwärts bis zur Einmündung des Limklar. Zugleich untersagte er Fremden, den Anduin über die Emyn Muil hinaus stromab zu befahren. Auf ihn gehen nach dem Bericht der Anhänge auch die steinernen Wächter der Argonath zurück, die den Zugang zum See Nen Hithoel markieren. Die Hügel wurden damit zu einer bewachten Schwelle des Südreiches. Sie waren nicht dessen Kernland, wohl aber der Ort, an dem Gondors Anspruch auf den Strom sichtbar begann.2

Aus derselben Zeit königlicher Macht stammen die Anlagen, auf die die Gefährten später stoßen. Auf Amon Hen und Amon Lhaw standen Hochsitze, die Sitze des Sehens und des Hörens, und nach Aragorns Worten wurde auf ihnen einst Wache gehalten. Neben den Fällen des Rauros führte eine in den Fels gehauene Treppe hinab, und ein alter Tragweg erlaubte es, Boote am Wasserfall vorbeizubringen. Mit dem Niedergang Gondors verfielen diese Einrichtungen. Als der Ringkrieg begann, hielt dort längst niemand mehr Wache. Aragorn kannte die Stätten nur noch aus der Überlieferung und aus eigenen Wanderungen. Westlich der Hügel war inzwischen ein neues Reich entstanden: Seit Cirion im Jahr 2510 Eorl und seinem Volk Calenardhon überlassen hatte, grenzte die Riddermark an die Westflanke der Emyn Muil.3

Ihren bekanntesten Auftritt haben die Emyn Muil im Ringkrieg. Ende Februar 3019 erreichte die Gemeinschaft den Nen Hithoel und lagerte am Westufer auf der Wiese von Parth Galen. Dort zerbrach sie am 26. Februar. Boromir fiel im Kampf gegen die Orks, die Merry und Pippin verschleppten, und seine Gefährten übergaben seinen Leichnam in einem Boot dem Strom und den Fällen. Aragorn, Legolas und Gimli nahmen die Verfolgung der Entführer auf. Ihr bereits geschilderter Weg über die westlichen Höhen war der Auftakt zu jener Jagd, die sie schließlich nach Rohan und in die Ereignisse um Isengart führte.4

Zur selben Zeit setzten Frodo und Sam an das östliche Ufer über und nahmen den Weg nach Mordor allein auf sich. In den östlichen Hügeln stellte sich ihnen Gollum, der ihnen seit Moria gefolgt war. Die Hobbits überwältigten ihn, und Frodo nahm ihm einen Eid ab, statt ihn zu töten. Unter Gollums Führung verließen die beiden das Bergland und begannen zu Anfang des März den Weg durch die Totensümpfe. Danach verschwinden die Emyn Muil aus der Erzählung. Über ihr Schicksal im Vierten Zeitalter berichten die Werke nichts. Die Hochsitze und die Königsbauten, die an Gondors frühere Macht erinnern, bleiben die letzten bezeugten Spuren menschlicher Tätigkeit in diesen Hügeln.5

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 8, Farewell to Lórien; Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 4, Treebeard
  2. 2Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv), Gondor and the Heirs of Anárion
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 9, The Great River; Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 10, The Breaking of the Fellowship; Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl
  4. 4Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 1, The Departure of Boromir; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  5. 5Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 1, The Taming of Sméagol; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years

Völker und Herrschaft

Von einem Volk, das in den Emyn Muil gelebt hätte, berichten die Werke nichts. Das Bergland erscheint im Roman als menschenleere Wildnis ohne Dörfer, Höfe oder bewohnte Wege, und auch Elben oder Zwerge haben dort keine Spuren hinterlassen. Wer die Hügel betritt, ist auf der Durchreise, auf der Flucht oder auf der Jagd. Einzig Gollum bewegt sich in den Felsen mit einer Vertrautheit, die den Hobbits fehlt; er folgt ihnen durch das Gewirr der Grate, lebt aber nicht dort, sondern ist selbst ein Umherstreifender. Die Hügel sind damit kein Siedlungsraum, sondern ein Zwischenland, über das andere Mächte hinweggreifen.1

Eine Herrschaft über die Emyn Muil übte nur Gondor aus, und auch dies nicht als Landesherr über Bewohner, sondern als Wächter über den Strom. Die bereits geschilderte Bewachung zu Zeiten der Könige endete mit dem Verfall des Südreiches, ohne dass eine andere Macht die Hügel förmlich übernommen hätte. Die Nachbarschaft blieb unruhig: Aus den Ländern nördlich davon konnten feindliche Völker den Anduin überschreiten. Im Jahr 2510 setzten die Balchoth auf Booten und Flößen über den Fluss und fielen in Calenardhon ein, bis Eorls Reiter sie auf dem Feld des Celebrant schlugen. Die Westflanke des Berglandes fiel danach der Riddermark zu, deren Grenze an den Hängen verlief, ohne dass die Rohirrim das Hügelland selbst besiedelten.2

Zur Zeit des Ringkriegs wird die Lage als herrenloses Grenzgebiet deutlich, in das Mordor ungehindert hineinwirkt. An den Stromschnellen des Sarn Gebir beschießen Orks vom Ostufer die Boote der Gemeinschaft, und ein geflügeltes Wesen aus dem Osten überfliegt den Fluss, bis Legolas es mit einem Pfeil vertreibt. Orks aus Mordor und aus Isengart streifen gemeinsam durch die westlichen Hügel. Die Riddermark reagiert von außen: Éomers Reiter verfolgen die Orkschar, die mit Merry und Pippin aus dem Bergland herabgezogen ist, und vernichten sie am Rand des Fangorn. Ein Anspruch Rohans oder Gondors auf die Höhen selbst wird dabei nicht erhoben.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 1, The Taming of Sméagol
  2. 2Der Herr der Ringe, Anhang A, II, The House of Eorl
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 9, The Great River; Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 2, The Riders of Rohan

Die Emyn Muil in der Erzählung

Im Aufbau des Romans sind die Emyn Muil der Ort, an dem sich die Erzählung teilt. Mit ihnen endet das Zweite Buch, und von hier aus gehen das Dritte und das Vierte Buch getrennte Wege: Das eine begleitet die übrigen Gefährten auf der Westseite des Stroms, das andere Frodo und Sam auf der Ostseite. Den Anstoß zu dieser Trennung gibt eine Entscheidung, die auf den Höhen fällt. Am Hang des Amon Hen versucht Boromir, dem Ringträger den Ring abzunötigen. Frodo entzieht sich ihm, indem er den Ring ansteckt, und blickt vom Hochsitz aus über weite Länder, in denen überall zum Krieg gerüstet wird. Er spürt das suchende Auge, ringt mit sich und streift den Ring schließlich ab; aus diesem Augenblick geht sein Entschluss hervor, den Weg ohne die anderen zu gehen.1

Das Vierte Buch setzt mitten im Bergland ein, und die Landschaft übernimmt dort eine erzählerische Aufgabe. Zum ersten Mal sind die beiden Hobbits ganz auf sich gestellt, ohne Führer und ohne Karte, und das vergebliche Suchen zwischen den Graten macht ihre Lage anschaulich, bevor ein Wort darüber fällt. Die Wildnis prüft dabei weniger ihre Kraft als ihre Zuversicht. Kleine Züge lockern die Beklemmung auf, etwa wenn sich das Seil nach dem Abstieg wie von selbst löst und Sam darin ein Stück elbischer Kunst erkennen will.2

Vor allem aber sind die Hügel der Schauplatz, an dem ein Leitgedanke des Romans in Handlung übergeht. Als Gollum überwältigt vor ihm liegt, erinnert sich Frodo an das Gespräch mit Gandalf über Mitleid und die Frage, wer über Leben und Tod richten darf, das früh im Buch geführt wurde. Er verschont den Gefangenen, und damit beginnt das schwierige Bündnis, das die weitere Wanderung trägt. Die Emyn Muil stehen so für eine doppelte Schwelle: zwischen Gemeinschaft und Alleinsein und zwischen einer bloß gehörten Einsicht und ihrer Bewährung.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 10, The Breaking of the Fellowship
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 1, The Taming of Sméagol
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 1, The Taming of Sméagol; Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 2, The Shadow of the Past

Die Emyn Muil in Verfilmungen und Hörspiel

In Peter Jacksons Filmtrilogie liegt die Teilung der Gemeinschaft, anders als im Roman, an der Nahtstelle zwischen dem ersten und dem zweiten Film. Der erste Teil endet mit den Ereignissen am Amon Hen, der zweite setzt mit Frodo und Sam im östlichen Bergland ein. Die Rollen spielen dort Elijah Wood und Sean Astin, den Gollum verkörpert Andy Serkis; Boromir wird von Sean Bean dargestellt. Mehrere Abweichungen vom Buch betreffen gerade diese Gegend. Die Stromschnellen des Sarn Gebir und das Tragen der Boote fehlen, die Fahrt führt ohne Unterbrechung durch die Argonath zum Landeplatz. Boromirs Tod, den der Roman erst im Dritten Buch rückblickend aus der Sicht der Verfolger erzählt, zeigt der Film unmittelbar und in zeitlicher Folge. Hinzu kommen erfundene Züge: Ein namentlich benannter Anführer der Uruk-hai, Lurtz, tritt Aragorn im Zweikampf entgegen, und Aragorn begegnet Frodo vor dessen Aufbruch und lässt ihn bewusst ziehen, während sich die beiden im Buch nicht mehr sehen. Schließlich verschränkt der zweite Film die Wege der Gefährten diesseits und jenseits des Stroms, statt sie wie der Roman in zwei getrennten Büchern nacheinander zu erzählen. Das Gespräch über Mitleid, an das sich Frodo angesichts des gefangenen Gollum erinnert, ist im Film zudem aus Beutelsend in die Minen von Moria verlegt.1

Die Hörspielfassung der BBC aus dem Jahr 1981 gestaltet die Wanderung durch das Hügelland mit Ian Holm als Frodo und Bill Nighy als Sam; Gollum spricht Peter Woodthorpe. Wie die Reihe insgesamt, die als die buchnächste der älteren Adaptionen gilt, hält sie sich auch bei der Gefangennahme Gollums und dem Eid, den Frodo ihm abnimmt, eng an den Handlungsgang des Romans. Da der Ort selbst keine Figur ist, bleibt er in allen Fassungen Schauplatz und wird durch die Szenen bestimmt, die in ihm spielen.2

  1. 1Der Herr der Ringe (Filmtrilogie), 2001–2003
  2. 2Der Herr der Ringe (Hörspiel 1981), 1981