Name, Benennung und Fertigung

Der Gegenstand trägt in den Erzähltexten den Namen seiner Geberin und nicht den eines Handwerkers: „Phiole Galadriels“ ist die Bezeichnung, die der Erzähler führt, nachdem die Gefährten Lórien verlassen haben. Das Wort Phiole meint dabei nicht mehr als ein kleines Gefäß aus Kristall, klein genug, dass eine Hobbithand es umschließen kann; die deutschen Ausgaben behalten den Ausdruck bei. Die Benennung nach Galadriel ist insofern genau, als der Text ihre Handlung festhält und nicht eine Herstellung: sie fing das Licht von Earendils Stern, wie es im Wasser ihres Brunnens stand, und gab Frodo Beutlin das Gefäß beim Abschied mit auf den Weg. Der Name bezeichnet also einen Akt des Schenkens und Bewahrens, nicht eine Urheberschaft.

Neben diesem Erzählernamen steht ein zweiter, mündlicher: Sam Gamdschie nennt sie das Sternenglas. Das Wort ist eine Hobbitprägung, beschreibend statt feierlich, und es fällt auf den Treppen von Cirith Ungol, wo Sam über die alten Geschichten nachdenkt und dabei bemerkt, dass ein Stück jenes Lichts nun in ihrem eigenen Gepäck liegt. Beide Namen wechseln im Text mit schlichten Umschreibungen, die nur auf den Träger oder auf das Glas selbst verweisen; ein Eigenname im Sinne einer elbischen Prägung ist für den Gegenstand nirgends überliefert. Dass die knappere, alltäglichere Bezeichnung von einem Hobbit stammt, entspricht dem übrigen Sprachgebrauch der beiden Wanderer in Mordor.

Ein Hersteller des Gefäßes wird an keiner Stelle genannt — weder ein Schmied noch eine Werkstatt, weder ein Zeitalter der Anfertigung. Belegt ist allein Galadriels Tun, das Einfangen des Sternenlichts im Wasser ihres Brunnens; alles Weitere zur Machart bleibt offen. Das Licht selbst hat dagegen eine Vorgeschichte, die weit älter ist als Lórien: Sam spricht sie auf den Treppen an, indem er den Stern Earendils mit dem Juwel verbindet, das dieser trägt. Ausführlich erzählt das erst der posthum edierte Bericht, in dem Feanor die Silmaril aus dem Licht der Zwei Bäume schuf und der letzte erhaltene Stein mit Earendils Schiff an den Himmel fuhr. Die Phiole ist damit kein Werk von eigenem Rang, sondern ein Behältnis; ihr Gewicht liegt im Inhalt und in dessen Herkunft aus den ältesten Tagen.

Gestalt, Licht und Grenzen

Was der Text über die Beschaffenheit sagt, ist wenig und genau: ein kleines Gefäß aus durchsichtigem Kristall, das schon in Galadriels Hand schimmert, ehe Frodo Beutlin es an sich nimmt. Von Fassung, Verschluss oder Zierrat verlautet nichts, ebenso wenig von einer Inschrift; beschrieben wird ausschließlich das Licht darin, das weiß ist und in seiner Art einem Stern gleicht, nicht einer Flamme oder einer Lampe. Der Erzähler hält fest, dass dieses Licht mit der Dunkelheit ringsum zunimmt: je tiefer die Nacht, desto heller. Galadriel knüpft daran die Bestimmung, es solle dort leuchten, wo alle anderen Lichter erlöschen — eine Zweckangabe, keine Aufzählung von Fähigkeiten.

Die belegten Wirkungen sind an wenige Augenblicke gebunden. In Kankras Höhle setzt das Licht zunächst matt ein, als müsse es sich durch die schwere Luft arbeiten, und flammt erst auf, als Frodo in der Sprache der Elben Earendil anruft, mit Worten, die er selbst nicht kannte; die vielen Augen der Spinne halten diesem Glanz nicht stand und weichen zurück. Später führt Sam Gamdschie dasselbe Glas, und wieder verbindet sich Licht mit einem Anruf, den er in einer ihm unbekannten Sprache spricht. Am Turm von Cirith Ungol bricht der Wille der Wächter, die den Durchgang halten, unter demselben Zusammenspiel aus erhobenem Glas und angerufenem Namen. In allen drei Fällen wirkt das Licht auf Wesen der Finsternis, indem es sie zurückscheucht; Kankra trifft der Glanz dabei als bitterer Schmerz.

Ebenso deutlich sind die Grenzen. Die Phiole ist keine Waffe: Kankra wird erst durch Stich verwundet, und Frodo wird trotz des Lichts gestochen und gelähmt. Sie heilt nicht, sie wärmt nicht, sie verbirgt ihre Träger nicht — im Gegenteil, in Mordor ist ihr Schein eine Gefahr, weil er gesehen werden kann, und beide Hobbits gehen entsprechend sparsam mit ihm um. Gegen die Last des Rings, gegen Hunger, Durst und die Erschöpfung auf dem Weg zum Schicksalsberg richtet sie nichts aus. Auch scheint ihre Wirkung nicht allein im Gegenstand zu liegen: wo sie aufflammt, tritt jedes Mal ein Träger hinzu, der sie erhebt und Elbereth anruft. Über Reichweite, Dauer oder ein Erlöschen des Lichts sagt der Text nichts.

Weg und Verbleib

Der belegte Weg des Gefäßes beginnt im Februar 3019 des Dritten Zeitalters. Am Tag des Aufbruchs aus Lórien, den die Zeittafel auf den 16. Februar setzt, beschenkte Galadriel die Gefährten am Ufer des Silberlaufs der Reihe nach; Frodo Beutlin empfing zuletzt die Phiole. Von da an trug er sie über Wochen mit sich, ohne dass die Erzählung sie erwähnt: den Anduin hinab, über die Steinfelder der Emyn Muil, durch die Totensümpfe, an das Schwarze Tor und weiter nach Ithilien. Sie ruht in dieser Zeit im Gepäck, ungenutzt und ungenannt, und kommt erst vor Minas Morgul, an der Brücke über den Morgulfluss, wieder zur Sprache, als die beiden Hobbits über die alten Geschichten reden. Der Gegenstand hat also eine lange stumme Strecke, ehe er in der Erzählung zu wirken beginnt.

Die erste Verwendung fällt auf den 12. März 3019, als Gollum die beiden in die Gänge unter dem Pass führte. Frodo hielt das Glas in der Finsternis empor; sein Schein durchdrang das Gespinst am Ausgang nicht, erst Stich schnitt den beiden den Weg ins Freie. Kurz darauf wechselte der Besitz zum ersten Mal, und zwar nicht durch Übergabe, sondern durch Aufnahme: Kankra hatte Frodo von hinten gestochen und gelähmt, und Sam Gamdschie nahm dem scheinbar Toten Schwert, Glas und Ring ab. Mit Klinge und erhobenem Licht trieb er die Spinne zurück, die verwundet in ihre Schlupfwinkel wich. Damit war die Phiole in der Hand eines zweiten Trägers, der sie wider seinen Willen führte.

Diese zweite Trägerschaft dauerte nur zwei Tage. Am 13. März schleppten Orks den gelähmten Frodo in den Turm von Cirith Ungol, und Sam folgte ihnen mit allem, was er an sich genommen hatte; am Tor musste er sich an den Wächtern vorbeidrängen, ehe er in das Innere kam. Im Turm diente ihm der Schein des Glases beim Suchen durch Treppen und Kammern, bis er Frodo am 14. März in der obersten Kammer fand. Dort gab er den Ring zurück; Schwert und Glas behielt er auf Frodos Wunsch vorerst weiter. Beim Verlassen des Turms kam die Phiole ein letztes Mal an dieser Schwelle zum Einsatz, ehe die beiden in das offene Land von Mordor hinaustraten.

Auf dem Marsch durch Gorgoroth verschwindet das Gefäß wieder aus dem Vordergrund. Unter den Augen der Wachtposten und der Türme war Licht eine Gefahr, und die beiden gingen entsprechend sparsam damit um; getragen wurde es bis in die letzten Tage der Fahrt, die mit dem Fall des Barad-dûr am 25. März 3019 endete.Nach dem Fall des Barad-dûr nennen die Texte den Verbleib noch einmal: Beim Abschied an den Grauen Anfurten trägt Frodo das Glas, und sein Schein ist das Letzte, was die Zurückbleibenden vom Schiff sehen. Von einem Verlust, einem Zerbrechen oder einem Erlöschen ist nirgends die Rede, ebenso wenig von einer Weitergabe an einen dritten Träger. Das ist bemerkenswert im Vergleich mit einer anderen Gabe aus Lórien, denn Sam Gamdschies Kästchen mit Erde wird im Auenland ausdrücklich weiterverfolgt, während das Glas aus der Erzählung fällt.

Damit bleibt das Ende offen.Dass Frodo die Phiole mit über das Meer nahm, steht im Text: Ihr Licht glimmt auf dem auslaufenden Schiff und verliert sich in der Ferne. Ein Nachtrag in den Anhängen, der ihren weiteren Weg festhielte, fehlt ebenso wie eine Erwähnung in den Aufzeichnungen über die Jahre nach dem Ringkrieg. Die Überlieferung des Gegenstands reicht also genau über ein Jahr, vom Abschied in Lórien bis zum Ende der Fahrt, und schließt mit einem Besitzer, aber ohne Verbleib.

Stellung in der Erzählung

In der Bauform des Buches steht die Phiole an einer Nahtstelle. Sie wird im letzten Kapitel des zweiten Buches überreicht, kurz bevor die Gemeinschaft zerfällt, und sie gehört zu jener Reihe von Gaben, deren Nutzen der Text erst weit später einlöst: das Seil, die Mäntel, das Kästchen mit Erde. Frodo Beutlin wird zuletzt bedacht, und von allen Geschenken ist seines dasjenige, das im weiteren Verlauf tatsächlich Handlung trägt. Der Erzähler setzt den Gegenstand damit so, dass ein Rest von Lórien in die finsterste Strecke des Weges hinübergereicht wird, lange nachdem das Land selbst hinter den Wanderern liegt.

Erzählerisch bildet das Glas ein Gegengewicht zum Ring.Frodo Beutlin nimmt zwei Dinge mit auf den Weg nach Mordor, die einander in allem widersprechen: eines, das verborgen bleiben muss und den Träger vereinzelt, und eines, das erhoben und gezeigt wird und ihn in der Dunkelheit sichtbar macht. Das eine wurde ihm aufgeladen, das andere frei geschenkt; das eine will an sein Ende gebracht werden, das andere soll unterwegs helfen. Dass beide Lasten am Pass in derselben Stunde an Sam Gamdschie übergehen und wenig später wieder zurückkehren, verknüpft die Gegenstände zusätzlich: wer den Ring hütet, führt auch das Licht.

Inhaltlich steht die Phiole für die Fortdauer der alten Geschichten in einer späten und kleinen Gegenwart. Auf den Treppen erkennt Sam Gamdschie, dass er und Frodo nicht in einer neuen Erzählung stehen, sondern in derselben, die seit Urzeiten läuft, und der Gegenstand in ihrem Gepäck ist der Beleg dafür.Sie stiftet außerdem einen Nachhall: Schon auf der Wetterspitze hatte Frodo Beutlin den Namen Elbereths gerufen, während Streicher mit brennenden Scheiten herbeieilte; unter Cirith Ungol tritt zu demselben Ruf nun ein Licht. Wo die Phiole aufflammt, hören die Hobbits zudem auf, bloß zu erdulden, und handeln — deshalb fällt ihr Gebrauch mit den beiden Punkten zusammen, an denen die Fahrt am nächsten am Scheitern ist.

In den Adaptionen

In Peter Jacksons Trilogie wird das Gefäß im ersten Film (2001) übergeben: Cate Blanchett als Galadriel reicht es beim Abschied aus Lórien an Frodo Beutlin, gespielt von Elijah Wood. In der Kinofassung steht diese Gabe für sich allein; die Geschenke an die übrigen Gefährten sind erst in der erweiterten Fassung des ersten Teils zu sehen, so dass die Phiole dort nicht als eine unter mehreren Abschiedsgaben erscheint, sondern als einzige. Die auffälligste Verschiebung betrifft die Anordnung des Stoffes: Der Gang unter dem Pass, der im Buch das vierte Buch und damit den zweiten Band beschließt, ist in den dritten Film (2003) versetzt, so dass zwischen Übergabe und erstem Gebrauch zwei ganze Filme liegen. Verändert ist auch, wer dabei anwesend ist. Weil Frodo Beutlin im Film auf den Treppen mit Sam Gamdschie bricht und ihn fortschickt, betritt er die Höhle allein und hebt das Glas ohne Begleiter; Sean Astins Sam kehrt erst um, als Frodo bereits gestochen am Boden liegt, und führt dann Klinge und Licht gegen die Spinne.

Die Wächter am Tor des Turms kommen in den Filmen nicht vor; damit entfällt der zweite Auftritt des Gegenstands, den das Buch verzeichnet, und seine Wirkung bleibt auf die Begegnung mit der Spinne beschränkt. Bei den älteren Fassungen entscheidet zumeist schon der Umfang: Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978 bricht nach der Schlacht in der Hornburg ab, so dass die Strecke, auf der die Phiole überhaupt zur Wirkung kommt, außerhalb seines Rahmens liegt, und auch die Rankin/Bass-Fassung von 1980 setzt für den Mordor-Teil erst nach dem Pass ein. Am vollständigsten ist die BBC-Hörspielfassung von 1981 in sechsundzwanzig Teilen, in der Ian Holm den Frodo Beutlin und Bill Nighy den Sam Gamdschie spricht; sie folgt dem Gang des Buches am genauesten. Für einen Gegenstand, dessen ganze Erscheinung im Leuchten besteht, ist das Medium allerdings die eigentliche Abweichung: Im Hörspiel muss das Aufflammen gesagt statt gezeigt werden, es liegt in der Erzählstimme und in den Reaktionen der Sprechenden, während die Filme umgekehrt das Licht zeigen und die Erklärungen dazu kürzen.