Gemacht, nicht gewachsen
Jede andere Sprache dieser Geschichtswerke hat eine Geschichte: Sprecher, die zogen, Könige, die verboten, Küsten, an denen sich zwei Zungen mischten. Die Schwarze Sprache hat einen Verfasser. Sauron ersann sie in den Dunklen Jahren des Zweiten Zeitalters, und Anhang F hält das ausdrücklich fest — sie ist die eine Sprache Mittelerdes, die nicht entstand, sondern gemacht wurde, von einem einzelnen, zu einem Zweck.
Der Zweck war eine Sprache für alle seine Diener, und die Quellen sind ebenso deutlich darin, dass er scheiterte. Der Grund liegt im Stoff, mit dem er arbeitete. Die Orks, sagt Anhang F, hatten keine eigene Sprache; sie nahmen sich aus anderen Zungen, was sie kriegen konnten, und verdarben es nach eigenem Geschmack, und ihre Rede zersplitterte in so viele barbarische Mundarten, wie es Gruppen und Siedlungen gab. Genau diese Zersplitterung schuf den Bedarf nach einer gemeinsamen Sprache — und genau sie machte sie zunichte.
Was die Orks des Dritten Zeitalters zwischen den Zuchten tatsächlich gebrauchten, war nicht die Schwarze Sprache, sondern Westron, auf ihre Art — und die Erzählung zeigt es, statt es zu behaupten, wenn zwei Orks verschiedener Art sich im Morgai auf Gemeinsprache durchstreiten. Saurons erfundene Zunge überlebte bei seinen Soldaten als eine Handvoll Lehnwörter in einem Jargon, der aus der Sprache anderer Leute gebaut war.
Zwei Stufen, und wer die ältere bewahrte
Der Bestand unterscheidet zwei Formen der Sprache, und diese Unterscheidung ist die einzige innere Gliederung, die sie hat. Es gibt die ältere Schwarze Sprache, die Form der Ringinschrift; und es gibt “the more debased form used by the soldiers of the Dark Tower, of whom Grishnákh was the captain.” Nach Saurons erstem Sturz “this language in its ancient form was forgotten by all but the Nazgûl” — der einzige Fall des ganzen Legendariums, in dem eine ununterbrochene Kette von Sprechern von Wesen zusammengehalten wird, die nicht sterben.
Mit Saurons Wiederkehr wurde die Schwarze Sprache erneut Amtssprache von Barad-dûr und der Hauptleute Mordors. Das ist eine genaue Beschreibung: eine Amtssprache, eine Sprache des Befehls und der Verwaltung, nie eine, in die jemand hineinwuchs — mit einer Ausnahme. Die neue Trollrasse des späten Dritten Zeitalters, die Olog-hai, trug einen Namen aus dieser Sprache und kannte überhaupt keine andere. Sie sind die einzige Gruppe des Kanons, für die Saurons Erfindung Muttersprache war.
Der einzige zusammenhängende Satz der Sprache im Roman gehört zur verderbten Stufe, nicht zur reinen: Ein Ork aus Mordor flucht vor Pippin und fährt dann ausführlich in seiner eigenen Zunge fort, die das Buch nicht wiedergibt. Es lohnt zu wissen, wie wenig festen Boden dieser Satz gibt. Drei voneinander abweichende Übersetzungen davon liegen in Tolkiens Papieren — in einer ist bagronk eine Kloake, in einer anderen eine Folterkammer —, und Christopher Tolkien hält fest, dass sein Vater die Sache nie entschied. Die meistzitierte Zeile der Schwarzen Sprache ist zugleich ihre ungewisseste.
Die Wörter, die man kennt
Der gesamte bezeugte Wortschatz passt auf eine Karte. Nazg ist ein Ring, und es steht in Nazgûl, Ringgeist — Saurons eigener Name für die Neun, wo die Elben Úlairi sagten; der Name gehört der Sprache ihres Schöpfers, nicht der Überlieferung der Eldar. Ghâsh ist Feuer, das eine Wort, das Gandalf auffängt, als er in Moria Orks reden hört. Sharku ist alter Mann, woher Sarumans Spitzname Sharkey stammt. Lugbúrz ist der Dunkle Turm, wie die Orks Barad-dûr nennen. Uruk und snaga teilen die Orks selbst: uruk für die großen Soldatenorks Mordors und Isengarts, snaga, Sklave, für die geringeren Zuchten, besonders im Mund der Uruk-hai. Eine Sprache, in deren Rangordnung ein Wort für Sklave eingebaut ist.
Selbst diese kurze Liste gehört nicht allein Sauron. Uruk ist mit Sindarin orch verwandt und wurde von Sauron wahrscheinlich aus den elbischen Sprachen früherer Zeiten entlehnt — die erfundene Zunge enthält elbisches Lehngut an ihrer kennzeichnendsten Stelle, dem Wort für ihre eigenen Soldaten. Auch ist die Beziehung kein einfaches Übersetzungspaar: orch ist ein beliebiger Ork, uruk eigens die gedrillten und zuchtvollen der Regimenter Mordors. Und in die Gegenrichtung nahmen die Orks über das Westron aus dem Elbischen: tark, ein Mann aus Gondor, ist eine entstellte Form von tarkil, seinerseits ein Quenya-Wort.
Das Wort uruk überlebte seinen Ursprung. Sarumans Truppen an den Isen-Furten heißen grimmige Uruks, und Gandalf spricht in Moria von schwarzen Uruks Mordors — der Ausdruck ist in der Erzählung als Fremdwort eingeführt, lange bevor Anhang F ihn erklärt. Von Saurons ganzem Sprachvorhaben verbreitete sich am weitesten eine Rangbezeichnung.
Wie es klingt, und für wen
Die Laute sind in Anhang E beschrieben, und sie sind gegen den elbischen Strich gewählt. Für gh heißt es dort: “represents a ‘back spirant’ (related to g as dh to d)”; zu hören in ghâsh und agh. Es gibt ein z mit dem Wert des englischen z, genau den Laut, den weder Quenya noch Sindarin des Dritten Zeitalters besaßen: Er erscheint in nazg, in burzum, in Lugbúrz. Der Laut des englischen sh kommt vor, in ghâsh und in Shagrat. Und k und kh dienen wie in allen nicht-elbischen Namen dazu, die Sprache als fremd zu kennzeichnen; der Zirkumflex in Nazgûl oder ghâsh tut dasselbe und trägt keine andere Bedeutung.
Eine Bemerkung in Anhang E geht über die Beschreibung hinaus. Dort heißt es: „The Orcs, and some Dwarves, are said to have used a back or uvular r, a sound which the Eldar found distasteful.“ Es ist die einzige Stelle des ganzen Apparats, an der ein Laut nach dem Ohr eines anderen Volkes beurteilt wird — nicht falsch, nicht fremd, sondern unangenehm. Das ästhetische Urteil gehört mit zur Überlieferung.
Bei alldem hat die Sprache keine eigenen Buchstaben. Die Ringinschrift ist in Tengwar geschrieben — elbische Buchstaben in altertümlichem Modus, wie Gandalf sagt, aber in der Sprache Mordors. Sauron ersann eine Sprache und gebrauchte dann das Schriftsystem seiner Feinde, um seinen wichtigsten Satz festzuhalten. Aus der Entlehnung folgt eine statistische Einzelheit: In der Schwarzen Sprache war der Vokal î selten, weshalb dasselbe Tengwa-Zeichen dort für u stehen konnte, wo das Titelblatt es für o gebraucht.
Eine Sprache unter Tabu
Keine andere Zunge des Buches wird als gefährlich zu sprechen behandelt. Im Auenland weigert sich Gandalf, sie laut zu sagen. Beim Rat von Elrond spricht er sie doch, und die Veränderung im Raum wird körperlich beschrieben: Die Sonne verdunkelt sich, die Elben halten sich die Ohren zu, und Gandalf wünscht danach, sie möge in Imladris nie wieder gesprochen werden. Isildurs Schriftrolle nennt die Inschrift schon die Zunge Mordors und der Diener des Turms, die Verknüpfung ist also so alt wie die Sprache selbst.
Das Tabu hat eine Folge, die man leicht übersieht und die Tolkien selbst gezogen hat: Weil kein anderes Volk die Sprache freiwillig gebrauchte, hinterließ sie fast keine Namen auf der Karte. Morannon, Mordor, Gorgoroth sind elbisch; selbst die Ortsnamen Mordors stehen in Elbisch oder in der Gemeinsprache. Eine Sprache, ersonnen, um ein Reich zu beherrschen, brachte es nicht fertig, es zu benennen. Nur in den Entwürfen gibt es einen orkischen Namen für Minas Morgul, Dushgoi, und Tolkien strich ihn.
Dieselbe Überlegung prägt, wie die Sprache auf der Seite erscheint. Westron wurde durchweg ins Englische übertragen, die wenigen Fetzen Schwarzer Sprache dagegen nicht. Was ein Leser von der Sprache Mordors sieht, ist deshalb die einzige unvermittelte Rede des Buches — die eine Stelle, an der die Übersetzerkonvention ausgesetzt ist, und sie ist für die Sprache ausgesetzt, die niemand hören wollte.
Die Gegenschöpfung
Es gibt eine ältere Tat im Legendarium, auf die die Schwarze Sprache antwortet. Aule schuf die Zwerge vor ihrer Zeit und gab ihnen eine eigene Sprache, Khuzdul, die sie hüteten und geheim hielten; sein Werk wurde von Ilúvatar berichtigt, aber nicht rückgängig gemacht, und die Sprache blieb eine Gabe. Sauron, der vor seinem Übertritt zu Melkor zu Aules Volk gehört hatte, tat dasselbe aus dem entgegengesetzten Grund: Er machte eine Sprache und gab sie Dienern, damit sie eine Rede hätten und er derjenige sei, der sie festsetzt. Die Forschung hat das ein verkehrtes Gegenstück zu Aules Tat genannt, und die Parallele hält bis ins Einzelne — die eine Sprache von ihren Sprechern als Schatz gehütet, die andere ihnen auferlegt und nie angenommen.
Der Unterschied im Ausgang ist der springende Punkt. Khuzdul wurde so gut gehütet, dass die Zwerge nach außen die Sprachen der Menschen gebrauchten und niemanden die eigene lernen ließen; die Schwarze Sprache war so wenig gewollt, dass ihre vorgesehenen Sprecher untereinander weiter Westron benutzten. Die eine Sprache überlebte, indem sie verborgen wurde, die andere scheiterte, weil sie befohlen war. Das ist eine Aussage darüber, wie Sprachen wirklich leben, gemacht in einer Erzählung über einen Ring.
Wer die Orks sprechen lehrte
Anhang F sagt, die Orks hätten keine eigene Sprache gehabt. Die späten Schriften sagen etwas anderes. In dem Text Orcs innerhalb der Myths Transformed haben die Orks sehr wohl Sprachen, nach Zuchten verschieden, und es war Melkor, der sie sprechen lehrte, und sie gaben es weiter. Das ist keine abweichende Einzelheit, sondern eine andere Auskunft darüber, woher die Rede in Mordor kommt — vom ersten Dunklen Herrscher statt vom zweiten.
Dieselbe Verschiebung ist an der Entstehung des Anhangs selbst ablesbar. In einer früheren Fassung hatten die Orks eine Sprache, die ihnen der Dunkle Herrscher der Vorzeit ersonnen hatte — Morgoth, nicht Sauron. Die gedruckte Form rückte die Erfindung um ein Zeitalter vor und gab sie allein Sauron. Und in der allerfrühesten Schicht, dem Lhammas der 1930er Jahre, heißt die Orksprache Orquin oder Orquian und ist teils valianischen Ursprungs, weil sie von Morgoth stammt; die Schwarze Sprache als Saurons Werk gab es noch nicht.
Ein älteres Wort markiert die Grenze dessen, was überhaupt zu dieser Sprache gehört. Der Orkruf Golug für die Noldor ist Orkisch des Ersten Zeitalters, und die Quellen nennen ihn nie Schwarze Sprache. Er zeigt, dass Orks eigene Wörter bildeten, lange bevor Sauron sich hinsetzte, um ihnen eine Sprache zu entwerfen — und genau darin lag die Schwierigkeit seines Vorhabens.
Die Werkstatt, und was man nicht weiß
Die bekannten Vorbilder gelten hier nicht. Hinter Quenya steht das Finnische und hinter Sindarin das Walisische; die Schwarze Sprache war absichtlich keinem Stil nachgebildet. Tolkiens erklärtes Ziel war, dass sie in sich stimmig sei, sehr verschieden vom Elbischen, aber geordnet und ausdrucksfähig, wie man es von einem Werk Saurons vor seiner vollständigen Verderbnis erwarten würde — offenkundig, fügte er hinzu, eine agglutinierende Sprache. Er sagte auch, er habe versucht, sprachlich redlich zu verfahren, und sie solle eine Bedeutung haben und nicht bloß eine beiläufige Ansammlung hässlicher Geräusche sein.
Eine reale Quelle hat er selbst eingeräumt. Auf nazg angesprochen, hielt er es für wahrscheinlich, dass er unbewusst vom irischen nasc beeinflusst worden sei, einem Ring, einem Verschluss, einem Band — ein seltener Fall, in dem er eine wirkliche Sprache hinter einem erfundenen Wort zugab. Eine Herleitung aus dem Altenglischen wies er ausdrücklich zurück. Das Wort für Ring in der Sprache der Beherrschung stammt womöglich von einem Wort, das auch Verpflichtung bedeutet.
Wie wenig tatsächlich bekannt ist, gehört ans Ende gesagt statt versteckt. Tolkien selbst zog die Grenze in einem Brief: Die Schwarze Sprache kommt im Buch nur in der Ringinschrift, einem Orksatz und dem Wort Nazgûl vor. Alles darüber hinaus stammt aus Arbeitspapieren, die lange nach seinem Tod veröffentlicht wurden, und es ist unvollendet — einschließlich der Übersetzung jenes einen Satzes, die in drei unvereinbaren Fassungen vorliegt. Behauptungen über die Grammatik der Schwarzen Sprache, von denen viele im Umlauf sind, ruhen auf einem Bestand, der auf eine einzige Seite passt.
Was danach kam
Fast alles, was sich über die Sprache jenseits von Anhang F sagen lässt, stammt aus Papieren, die Jahrzehnte nach Tolkiens Tod erschienen sind, in den Zeitschriften der Elvish Linguistic Fellowship — Vinyar Tengwar, seit 1988, und Parma Eldalamberon, das seit 1995 Tolkiens sprachwissenschaftliche Handschriften mit Zustimmung des Nachlasses druckt. Tolkiens eigene Wort-für-Wort-Glossierung der Ringinschrift steht überhaupt nicht im Roman; sie steht in einem dieser Bände. Wer die Grammatik sucht, liest nicht das Buch, sondern ein Archiv.
Ein äußeres Vorbild ist ernsthaft vorgeschlagen worden und bleibt umstritten: eine Ähnlichkeit mit dem Hurritischen, einer ausgestorbenen Sprache des Alten Orients, hergeleitet aus der Gestalt bestimmter Endungen. Der Einwand ist so einfach wie die Behauptung — die fraglichen Elemente sind womöglich gar keine Suffixe eines Systems, sondern Stücke der wenigen Wörter, die zufällig überliefert sind. Bei einem so kleinen Bestand sehen ein Muster und ein Zufall gleich aus. Tolkien selbst nannte kein Vorbild und sagte, die Sprache sei absichtlich keinem Stil nachgebaut.