Herkunft und Namen
Der Hexenkönig gehörte zu jenen neun Sterblichen, denen Sauron im Zweiten Zeitalter Ringe der Macht überließ. Gandalf beschreibt sie als Könige, Zauberer und Krieger ihrer Tage — Menschen also, die sich am leichtesten ködern ließen, weil ihnen Herrschaft und langes Leben verlockend schienen. Die Ringe verliehen beides, doch sie zehrten ihre Träger aus, bis diese der sichtbaren Welt entglitten und in den Schattenbereich hinüberwuchsen: entkörperte Willen, sichtbar allein an Mantel und Rüstung, gänzlich an den Willen ihres Gebers gebunden. Unter ihnen war der Hexenkönig der Erste und Mächtigste. Sein Name als Sterblicher, sein Volk und die Zeit seines Menschenlebens werden nirgends überliefert; die Erzählung setzt erst dort ein, wo er bereits Geist geworden ist.
Alle Bezeichnungen der Figur sind Fremdbenennungen — Titel, Rollen oder Schreckensnamen, die andere ihr gaben. Die Neun heißen in der Schwarzen Sprache Nazgûl; das Wort enthält jenes Element „nazg“, das auch die Inschrift des Einen Ringes trägt und schlicht „Ring“ bedeutet. Im Westron entspricht dem der Begriff Ringgeister; wo sie beritten auftraten, sprach man von den Schwarzen Reitern oder den Neun Reitern. Als Anführer dieser Schar heißt er Fürst der Nazgûl oder Oberster der Ringgeister. „Fürst von Morgul“ benennt ihn nach dem Sitz, den er im Schattengebirge innehatte, „Hexenkönig von Angmar“ nach dem nördlichen Reich, dessen Herr er war und dessen Ruf als Ort finsterer Kunst in das Wort „Hexe“ eingegangen ist. Die Verteidiger Gondors nannten ihn während des Ringkriegs schlicht den schwarzen Hauptmann.
Die posthum veröffentlichten Texte fügen dem wenig, aber Bezeichnendes hinzu. Dort erscheint für die Neun der Quenya-Name Úlairi, und es heißt, dass drei von ihnen große Herren númenórischer Abkunft gewesen seien. Welche drei das waren, wird nicht gesagt, und ob der Hexenkönig zu ihnen zählte, bleibt offen. Diese Lücke ist keine Nachlässigkeit der Überlieferung, sondern gehört zum Wesen der Figur: Wer einen der Neun Ringe trug, verlor am Ende auch seinen Namen, und was von ihm blieb, war nur noch das Amt, das er für Sauron versah.
Geschichte
Die Tafel der Jahre setzt das erste Hervortreten der Neun in das Jahr 2251 des Zweiten Zeitalters; von da an wirkten sie als Saurons Werkzeuge, bis die Letzte Verbindung ihren Herrn stürzte und mit ihm auch seine Diener in den Schatten zurücktraten. Erst gegen 1300 des Dritten Zeitalters wird der Oberste der Ringgeister wieder greifbar, und zwar im Norden: Jenseits der Trollhöhen erhob sich damals ein Reich, dessen Herr sich in Carn Dûm festsetzte und dem die Menschen den Namen Angmar gaben. Das nördliche Königreich der Dúnedain war zu dieser Zeit längst in Arthedain, Cardolan und Rhudaur zerfallen, und eben diese Schwäche nutzte der neue Machthaber. Dass hinter dem Fürsten von Angmar der Erste der Neun stand, erkannte man in Eriador erst viel später; sein erklärtes Ziel aber war von Anfang an, das Geschlecht Isildurs auszulöschen.
Der Krieg, den er führte, zog sich über Jahrhunderte und bestand mehr aus Zermürbung als aus Entscheidungsschlachten. In Rhudaur setzte er ein ihm hörige Bergvolk an die Stelle der dúnedanischen Herren; Argeleb I. von Arthedain fiel 1356 im Kampf gegen dieses Rhudaur. Im Jahr 1409 brach ein großes Heer aus Angmar hervor, überrannte Cardolan und tötete Arveleg I.; der Wachturm auf der Wetterspitze wurde zerstört und verbrannt, während man den Palantír noch nach Fornost retten konnte. Als 1636 die Große Pest über Eriador kam und die letzten Reste von Cardolan hinwegnahm, zogen böse Geister aus Angmar und Rhudaur in die verlassenen Grabhügel ein — die Hügelgräberhöhen wurden zu einem Ort, den Reisende fortan mieden. 1974 fiel endlich Fornost selbst; Arvedui, der letzte König von Arthedain, floh nach Norden und ertrank im folgenden Winter in der Eisbucht von Forochel.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Der Triumph hielt kaum ein Jahr. 1975 landete Earnur, der Sohn des Königs von Gondor, mit einer Flotte in den Grauen Anfurten; zu ihm stießen Círdan und Aufgebote aus Lindon und Bruchtal, unter ihnen Glorfindel. Nördlich von Fornost wurde das Heer Angmars aufgerieben und auf der Flucht vollends vernichtet, sodass von diesem Reich nichts übrig blieb. Da erschien der Hexenkönig selbst und griff Earnur an, dessen Pferd durchging und ihn davontrug; erst Glorfindel schlug ihn in die Flucht, und er verschwand nach Osten. Earnur wollte nachsetzen, doch der Elb hielt ihn zurück und sprach die Warnung aus, die dem Feind ein Ende fern von jeder Männerhand voraussagte. Der Sinn dieses Wortes blieb über tausend Jahre lang dunkel; man las es als Zusicherung von Unverwundbarkeit.
Der Geschlagene zog sich nach Mordor zurück und sammelte dort die übrigen Ringgeister um sich. Im Jahr 2000 brachen sie hervor und schlossen Minas Ithil ein; nach zwei Jahren Belagerung fiel die Stadt, und mit ihr ging der dortige Palantír in Saurons Besitz über. Aus der Turmfeste des Mondes wurde Minas Morgul, ein Ort, vor dem man in Ithilien die Augen abwandte. Als Earnur 2043 den Thron Gondors bestieg, forderte ihn der neue Fürst von Morgul zum Zweikampf heraus und verhöhnte ihn wegen der Flucht im Norden; der Truchsess Mardil hielt den König zurück. Sieben Jahre später wiederholte sich die Herausforderung, und diesmal ritt Earnur mit kleinem Gefolge zum Tor von Minas Morgul. Man hörte nie wieder von ihm, und da er keinen Erben hinterließ, regierten von da an die Truchsessen.
Im Jahr 3018 schickte Sauron die Neun aus, um den Einen Ring zu suchen, und ihr Oberster führte sie. Am 22. September vertrieben sie die Wache der Waldläufer an der Sarnfurt und drangen tags darauf ins Auenland ein; die Spur führte sie über Bree bis in die Wildnis östlich davon. Am 6. Oktober stellten fünf von ihnen die Gefährten in der Senke unter der Wetterspitze, und dort verwundete der Hexenkönig Frodo Beutlin mit einem Morgul-Messer an der Schulter — kein gewöhnlicher Stich, sondern der Versuch, den Träger des Ringes in den Schattenbereich hinüberzuziehen und ihn so dem eigenen Willen zu unterwerfen. Die Verfolgung endete am 20. Oktober an der Furt des Bruinen, wo die anschwellende Flut Pferde und Reiter fortriss. Vernichtet waren sie damit nicht, doch beritten kehrten sie nicht zurück: Fortan trugen sie geflügelte Untiere.
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Schicksal
Am 10. März 3019, dem Tag, an dem kein Morgen graute, führte er das Heer von Minas Morgul über den Anduin; binnen weniger Tage war das Pelennor überrannt und Minas Tirith eingeschlossen. In der Frühe des 15. März zerbrach er mit dem Widder Grond und einem dreifach gesprochenen Zauber das Große Tor und ritt als Erster hindurch — Gandalf allein trat ihm dort entgegen, und die Begegnung blieb unentschieden, weil in diesem Augenblick die Hörner Rohans im Süden anhoben. Auf dem Feld stürzte er König Théoden samt Pferd, doch als er sich über den Gefallenen beugte, stellte sich ihm Éowyn, die als Mann verkleidet mitgeritten war, und erschlug sein Untier. Meriadock Brandybock, unbeachtet hinter ihm, stieß ihm die Klinge aus Westernis in die Kniekehle und brach damit den Bann, der sein Fleisch zusammenhielt; Éowyns Schwert traf zwischen Krone und Mantel. Mantel und Panzer sanken leer zusammen, und ein Schrei verklang in der Luft: Was Glorfindel bei Fornost vorausgesagt hatte, erfüllte sich durch die Hand einer Frau und eines Hobbits.
Rolle und Fähigkeiten
Im Gefüge von Saurons Macht nimmt der Hexenkönig den Rang des obersten Werkzeugs ein: nicht Ratgeber und nicht Verbündeter, sondern ausgeführter Wille. Gandalf legt dar, dass die Neun ihren Ringen und damit dem Einen unterworfen sind; ihre Kraft steigt und fällt mit der ihres Herrn, und ein eigenes Wollen bleibt ihnen nur in dem Maß, in dem es dem seinen dient. Daraus folgt die Doppelstellung, die den Ersten der Neun kennzeichnet — er ist Feldherr über Heere und Festungen, Herr über Angmar und später über Minas Morgul, und zugleich ohne jede Selbständigkeit gegenüber Barad-dûr. Sein Auftrag im Ringkrieg, die Suche nach dem Einen Ring und die Zerschlagung Gondors, ist ihm gestellt, nicht gewählt.
Seine wirksamste Waffe ist nicht das Schwert, sondern die Furcht. Wo die Ringgeister erscheinen, versagen Mut und Urteil; Pferde scheuen, Heere weichen zurück, bevor ein Schlag gefallen ist, und bei der Belagerung von Minas Tirith verzweifelten Verteidiger, ohne dass der Feind sie berührt hätte. Die Berührung des Schwarzen Hauchs zieht Kälte, Traumlosigkeit und schließlich den Tod nach sich — eine Wirkung, gegen die Heilkunst allein nicht ausreicht. Hinzu tritt Zauberkunst im engeren Sinn: das dreifach gesprochene Wort, das ein Tor sprengt, und die Klingen von Morgul, die weniger töten als hinüberziehen sollen. Da er selbst zum größeren Teil dem Schattenbereich angehört, nimmt er anders wahr als Lebende: nicht mit Augen, sondern an den Schatten, die Wesen dort werfen, wobei ein Ringträger ihm um so deutlicher wird, je näher er dem Ring kommt.
Ebenso deutlich sind die Grenzen. Bei Tage ist seine Wahrnehmung geschwächt und er meidet das offene Licht; fließendes Wasser hemmt ihn, und Feuer fürchtet er in besonderem Maß — schon brennende Scheite eines Waldläufers genügten an der Wetterspitze, um die Neun zurückweichen zu lassen. Gegen die Macht der Eldar hat er nichts entgegenzusetzen, wo sie unverhüllt auftritt, und er besitzt keinen Körper, sondern nur die Gestalt, die Mantel, Panzer und Krone ihm leihen. Vor allem aber wirkt die Furcht nur dort, wo sie angenommen wird: Sie greift bei Heeren und Königen, versagt jedoch vor denen, die nichts mehr zu verlieren meinen oder aus Zuneigung handeln. Die posthum gedruckten Aufzeichnungen bestätigen dieses Bild, indem sie den Ringgeistern ausdrücklich Scheu vor Feuer und Wasser und eine bei Tageslicht verminderte Sehkraft zuschreiben.
Beziehungen
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Schicksal
Alle Bindungen dieser Figur verlaufen senkrecht. Nach oben steht Sauron, und was zwischen beiden besteht, ist kein Verhältnis von Herr und Gefolgsmann, in dem Treue erwidert würde, sondern Besitz: Der Erste der Neun hat nichts anzubieten, was sein Gebieter nicht ohnehin schon hält. Auch unter den Ringgeistern gibt es keine Gefährtenschaft — sie treten als Vielzahl desselben auf, handeln gemeinsam und werden im Bericht kaum je einzeln unterschieden; allein der Oberste trägt Titel und Gestalt. Die posthum gedruckten Aufzeichnungen nennen einen weiteren beim Namen, Khamûl, der ihm im Rang folgte und Dol Guldur befehligte. Nach unten hin verfügte er über Heerführer wie Gothmog, den Truchsess von Morgul, der nach seinem Fall die Schlacht weiterführte: Das Amt ließ sich fortsetzen, wo die Person erloschen war.
Seine Feindschaften richten sich seltener gegen Menschen als gegen Geschlechter und Städte; ausgelöscht werden soll das Haus Isildurs, nicht dieser oder jener König. Zwei Ausnahmen fallen deshalb auf. Die eine ist Gandalf, der ihm im zerbrochenen Tor von Minas Tirith als Einziger standhielt und in dem er ein Gegengewicht erkannte, wie es ihm sonst nirgends begegnete. Die andere ist Earnur, dem die Warnung Glorfindels galt und den er noch nach Jahrhunderten wegen des davongetragenen Pferdes verhöhnte, bis der Spott ihn ans Tor von Morgul zog. Für ein Wesen, dem eigener Wille abgesprochen wird, ist dieser lang gehegte Groll bemerkenswert — es ist die einzige Regung, die wie etwas Persönliches aussieht.
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Schicksal
Zu Frodo Beutlin verbindet ihn etwas, das über die Verfolgung hinausreicht: Die Klinge, die in der Wunde zurückblieb, stiftete eine Nähe, die auch nach seinem Ende nicht aufhörte — der Schmerz kehrte Jahr um Jahr am Tag des Stiches wieder. Théoden, Éowyn und Meriadock dagegen zählten in seiner Rechnung überhaupt nicht. Er maß Gegner an Rang und an der Furcht, die er in ihnen weckte, und beides sagte ihm nichts über eine Frau, die er nicht als solche erkannte, und nichts über einen Hobbit, den er im Rücken nicht wahrnahm. Darin liegt der Schlüssel zu allen seinen Beziehungen: Wer ihn fürchtete, war ihm unterworfen; wer außerhalb seiner Maßstäbe stand, blieb ihm unsichtbar — und von dort kam sein Ende.
Entwürfe und Varianten
In den frühesten Fassungen der Erzählung, die Christopher Tolkien in „The Return of the Shadow“ vorgelegt hat, gibt es die Figur noch nicht. Vorhanden ist zunächst allein ein schwarz vermummter Reiter, der auf der Landstraße innehält und witternd den Kopf senkt — eine Erscheinung ohne Vorgeschichte, deren Sinn dem Verfasser beim Schreiben selbst nicht feststand. Eine beigeschriebene Erwägung zieht für einen Augenblick sogar in Betracht, es könne Gandalf sein, der den Hobbits verkleidet folge. Erst im Fortgang der Arbeit wurden aus dem einen Reiter mehrere, und erst allmählich band sich ihre Erscheinung an die Ringe der Macht und an den Dienst für den Feind. Ein Oberster, der sich vor den übrigen durch Titel, Reich und eigene Geschichte auszeichnete, tritt in dieser Schicht nirgends hervor.
Die nördliche Vorgeschichte entstand spät und außerhalb der fortlaufenden Erzählung, nämlich in den Vorarbeiten zu den Anhängen, die in „The Peoples of Middle-earth“ gedruckt sind: in der Königsliste „The Heirs of Elendil“ und in den mehrfach umgearbeiteten Fassungen der Tafel der Jahre. Dort schwanken Jahreszahlen, Regierungsangaben und der Ablauf der Kämpfe zwischen Arthedain und Angmar von Entwurf zu Entwurf, ehe sie die im gedruckten Anhang stehende Gestalt annahmen. Erst diese Arbeit verband den Zauberkönig des Nordens ausdrücklich mit dem Fürsten von Morgul der Haupterzählung und fügte die weit auseinanderliegenden Wirkungszeiten zu einem Lebenslauf zusammen. Die Entwürfe zeigen damit eine Figur, die rückwärts gebaut wurde: Der Schrecken war zuerst da, die Biografie kam hinterher.
Adaptionen
Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978 erzählt nur die erste Hälfte des Romans und bricht nach der Schlacht um Helms Klamm ab; ein zweiter Teil kam nie zustande. Der Hexenkönig tritt darin allein als Anführer der Schwarzen Reiter auf — an der Wetterspitze und bei der Verfolgung bis zur Furt —, während sein Ende vor Minas Tirith außerhalb des erzählten Ausschnitts liegt und folglich nie gezeigt wird. Ein großer Teil der Bewegungsabläufe ist von Realaufnahmen abgezeichnet. An der Furt des Bruinen fehlt Glorfindel; seine Aufgabe übernimmt dort Legolas, womit auch die Person entfällt, die im Buch das Wort über den fernen Untergang des Feindes spricht. Die Hörspielfassung von BBC Radio 4 aus dem Jahr 1981 verfährt umgekehrt: Sie gliedert den Stoff in sechsundzwanzig halbstündige Folgen und gilt als die buchnächste der älteren Bearbeitungen, sodass der Bogen von der Wetterspitze über das zerbrochene Tor bis zum Sturz auf dem Pelennor vollständig erhalten bleibt.
In Peter Jacksons Filmtrilogie von 2001 bis 2003 wird die Figur in der Rüstung von Lawrence Makoare dargestellt; die Stimme im dritten Teil stammt von Andy Serkis, der zugleich Gollum spricht. Die Filme lassen Glorfindel ganz aus und übertragen den Ritt zur Furt auf Arwen, weshalb die Weissagung, die im Buch nach der Schlacht bei Fornost fällt, ohne ihren ursprünglichen Sprecher und ohne ihren nördlichen Anlass bleibt — die Vorgeschichte in Angmar klingt nur noch im Namen an. Deutlicher noch weicht die erweiterte Fassung des dritten Teils ab: Sie führt die Begegnung im gebrochenen Tor als offenen Zweikampf aus, in dem Gandalfs Stab zerbricht, während der Roman den Auftritt unentschieden abbrechen lässt, als die Hörner Rohans erklingen. Der Ablauf des Endes dagegen folgt der Vorlage, einschließlich des Stiches, den Meriadock Brandybock von hinten führt.