Name und Herkunft
Die Bezeichnung „Graue Schar“ ist kein Name, den sich die Reiter selbst gegeben hätten, sondern eine Benennung von außen. Sie taucht zuerst in einer Botschaft auf, die Gandalf nach seiner Rückkehr Aragorn überbringt: Darin fragt die Absenderin, wo die Dúnedain seien und warum Aragorns Sippe in der Ferne umherziehe, und sie kündigt an, die Stunde sei nahe, in der eine graue Schar aus dem Norden heranreite. Erst mit dem tatsächlichen Eintreffen der Verwandten in Rohan wird diese Wendung zur Bezeichnung einer bestimmten Gruppe, und das zweite Kapitel des fünften Buches trägt sie im Titel. Der Name ist damit weniger Selbstbezeichnung als Erfüllung einer Vorhersage.1
Die Farbe im Namen passt zu der Erscheinung der Reiter, die in dunkelgraue Mäntel gehüllt und mit Kapuzen verhüllt kommen, in der unauffälligen Tracht jener Männer, die man im Norden als Waldläufer kannte. Unter diesem Namen begegnen sie bereits früher in der Erzählung: In Bree gelten die Waldläufer als rätselhafte Wanderer, denen man mit Misstrauen begegnet, und Aragorn selbst ist dort nur als Streicher bekannt. Was die Leute in Bree nicht wissen, ist, dass hinter der rauen Erscheinung ein altes Geschlecht steht, dessen Wachdienst die Länder ringsum stillschweigend schützt.2
Ihrer Abstammung nach sind die Reiter Dúnedain des Nordens, Nachfahren der Menschen von Númenor und letzter Rest des Volkes von Arnor, dessen Königreich längst zerfallen war. Seit dem Ende des Nordreichs führten sie keine Könige mehr, sondern folgten Stammesführern aus dem Haus Isildurs, deren Linie ungebrochen bis zu Aragorn reichte. Deshalb ist der Ruf, der sie erreicht, ein Ruf der Verwandtschaft im wörtlichen Sinn, und Halbarad, der sie anführt, ist Aragorns Blutsverwandter. Elladan und Elrohir, die mit ihnen reiten, gehören nicht zu diesem Volk, sondern sind als Söhne Elronds Halbelben; die Schar ist also im Kern ein Aufgebot der Dúnedain, dem sich Gefährten anderer Herkunft angeschlossen haben.3
- 1Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 5, The White Rider; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2, The Passing of the Grey Company
- 2Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 9, At the Sign of the Prancing Pony; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2, The Passing of the Grey Company
- 3Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iii), Eriador, Arnor, and the Heirs of Isildur; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2, The Passing of the Grey Company
Geschichte

Die Geschichte der Grauen Schar als handelnder Gemeinschaft ist kurz und fällt ganz in die letzten Wochen des Ringkriegs. Ihr Ausgangspunkt ist Bruchtal, wohin die Nachricht gelangt war, Aragorn verlange nach seinen Verwandten. In der Eile ließ sich nur ein Teil der im Norden verstreuten Dúnedain sammeln, und diese ritten ohne Aufschub nach Süden. Sie erreichten Rohan, als König Théoden nach dem Sieg an der Hornburg und der Unterredung vor Isengard mit seinem Gefolge in die Nacht hinausgezogen war. Auf offener Ebene holten sie den Zug ein; die Reiter Rohans hielten sie zunächst für Feinde und wandten sich zur Abwehr, bis Aragorn Halbarad an der Stimme erkannte.1
Die Schar brachte mehr mit als Waffen und Pferde. Halbarad führte ein fest umwickeltes Feldzeichen bei sich, das Arwen für Aragorn gefertigt hatte, zusammen mit einer Botschaft von ihr, dass die Zeit dränge und Hoffnung und Untergang nun eng beieinander lägen. Von Elrond überbrachten dessen Söhne eine Mahnung, die auf die Pfade der Toten wies, falls Aragorn in Eile sei. Damit war der weitere Weg der Schar bereits angedeutet, noch ehe die Reiter die Hornburg erreichten. Dort blickte Aragorn in den Stein von Orthanc und fasste danach den Entschluss, nicht mit dem Heer Rohans zu ziehen, sondern den Weg unter dem Gebirge zu wagen.2
Legolas und Gimli schlossen sich der Schar an, während Merry beim König blieb. Die Dúnedain nahmen den raschen Weg über die Ebene nach Edoras und weiter das Tal aufwärts bis nach Dunharg, wo Éowyn das Volk der Mark versammelt hielt. Sie bat Aragorn, ihn begleiten zu dürfen, und er wies sie ab. Am folgenden Morgen ritt die Schar zum Tor unter dem Dwimorberg und trat in die Dunkelheit. Die Pferde mussten geführt werden, Furcht lag auf allen, und hinter den Lebenden sammelte sich ein unsichtbares Gefolge, das ihnen durch die Gänge nachzog.3
Jenseits des Gebirges gelangte die Schar ins Tal des Morthond und erreichte in der Nacht den Stein von Erech. Dort rief Aragorn als Isildurs Erbe die Eidbrecher auf, ihren alten Schwur endlich einzulösen, und ließ Halbarad das mitgebrachte Feldzeichen entrollen, das in der Finsternis schwarz erschien. Von Erech aus zogen Lebende und Tote nach Süden. Was dann geschah, berichten Legolas und Gimli erst später in Minas Tirith: den Weg durch Lamedon, das Gefecht an den Übergängen von Linhir und die Ankunft in Pelargir, wo die Flotte der Korsaren von Umbar lag. Vor dem Heer der Toten flohen die Besatzungen, die gefangenen Ruderer wurden befreit, und Aragorn entließ die Eidbrecher, deren Schuld nun beglichen war.4
Mit den erbeuteten Schiffen, bemannt von den Dúnedain und von Kriegern aus den südlichen Lehen Gondors, fuhr die Schar den Anduin hinauf und erreichte die Harlond, als die Schlacht auf dem Pelennor ihren Wendepunkt erreichte. Auf dem vordersten Schiff wehte nun offen das Banner mit dem Weißen Baum, den Sieben Sternen und der Krone, und statt der erwarteten Verstärkung des Feindes landeten Verbündete. Die Dúnedain kämpften fortan im Heer Aragorns und zogen mit ihm und den Söhnen Elronds auch zum Morannon. Als eigene Gemeinschaft endet ihre Geschichte mit dem Krieg; Fortbestand fand sie darin, dass das Volk, aus dem sie kam, mit Aragorns Krönung wieder einen König hatte und das Nordreich unter ihm erneuert wurde.5
- 1Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2, The Passing of the Grey Company
- 2Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2, The Passing of the Grey Company
- 3Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2, The Passing of the Grey Company
- 4Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2, The Passing of the Grey Company; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 9, The Last Debate
- 5Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 6, The Battle of the Pelennor Fields; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 10, The Black Gate Opens; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (i) The Númenórean Kings
Lebensweise und Sitten

Was an der Grauen Schar zuerst auffällt, ist ihre Schmucklosigkeit. Die Pferde der Dúnedain sind kräftig und von stolzer Haltung, aber zottig und ungepflegt, und an Reitern wie Zaumzeug findet sich weder Gold noch Edelstein. Das einzige Zeichen, das sie gemeinsam tragen, ist eine silberne Spange in Gestalt eines strahlenden Sterns, mit der jeder seinen Mantel an der linken Schulter schließt. Die Erzählung zeichnet sie als ernste, wortkarge Männer, deren Wesen dem Aragorns näher steht als dem der Reiter Rohans, in deren Gesellschaft sie für kurze Zeit ziehen. Prunk und Rang zeigen sich bei ihnen nicht in der Ausstattung, sondern allein in Haltung und Herkunft.1
Ihre Lebensweise ist die eines Dienstes, der sich selbst nicht ins Licht stellt. Schon beim Rat in Bruchtal beschreibt Aragorn die Arbeit seines Volkes als ein Wachen an Grenzen, von dem jene, die es schützt, nichts ahnen und für das sie keinen Dank erwarten dürfen. Halbarad bestätigt diese Haltung im Gespräch mit Merry: Die Leute des Auenlands, sagt er sinngemäß, wüssten kaum etwas von der langen Mühe, mit der man ihre Grenzen gesichert habe, und doch missgönne er ihnen diese Mühe nicht. Aus derselben Gesinnung folgen die Dúnedain ihrem Stammesführer auch dorthin, wohin sie der eigene Mut nicht getragen hätte; ihre Treue gilt der Person und der Sippe, nicht dem Wagnis selbst.2
Von den übrigen Menschen Mittelerdes trennt die Dúnedain vor allem ihr Verhältnis zu den Elben. Nach den Anhängen sind sie das einzige Menschenvolk, das eine elbische Sprache kennt und spricht, da ihre Vorfahren das Sindarin einst erlernt und an die Nachkommen weitergegeben hatten. Eng damit verbunden ist der Brauch, dass die Erben der Stammesführer in Bruchtal aufwuchsen, wo Elrond auch die Erbstücke ihres Hauses verwahrte. Auch die Zeit bemisst sich für sie anders: Das Blut Númenors verlieh ihnen eine Lebensspanne weit über dem gewöhnlichen Maß, sodass ein Menschenleben unter ihnen Ereignisse umfassen konnte, die für andere Völker bereits Vergangenheit der Großeltern waren.3
- 1Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2, The Passing of the Grey Company
- 2Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 2, The Council of Elrond; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2, The Passing of the Grey Company
- 3Der Herr der Ringe, Anhang F, I, Of Men; Der Herr der Ringe, Anhang A, I, v, Here follows a part of the Tale of Aragorn and Arwen
Sippen und Zugehörigkeiten
Innerhalb der Grauen Schar unterscheidet die Erzählung nur zwei Gruppen: die Dúnedain aus dem Norden und die beiden Söhne Elronds. Von den Dúnedain ist allein Halbarad namentlich greifbar. Er stellt sich bei der Begegnung auf der Ebene als Dúnadan und Waldläufer des Nordens vor, also mit Volk und Stand statt mit einem Vatersnamen oder Haus. Die übrigen Reiter bleiben ohne Namen und ohne erkennbare Rangordnung untereinander. Über ihnen steht nur Aragorn als Stammesführer, dessen Anspruch auf der Abkunft von Isildur beruht; weitere Häuser oder Sippen der nördlichen Dúnedain nennt der Text an dieser Stelle nicht.1
Deutlicher hebt die Erzählung die Zwillinge Elladan und Elrohir hervor. Sie sind einander so ähnlich, dass man sie kaum auseinanderhalten kann: dunkelhaarig und grauäugig, von elbischem Aussehen und gleich gekleidet, mit glänzenden Panzerhemden unter silbergrauen Mänteln. Ihr Weg an der Seite der Waldläufer ist nicht neu. Nach den Anhängen ritten sie schon lange häufig mit den Waldläufern des Nordens, weil sie nicht vergessen konnten, wie ihre Mutter Celebrían in die Gewalt von Orks geraten und gequält worden war. Ihre Teilnahme an der Grauen Schar setzt damit eine ältere Waffengemeinschaft zwischen dem Haus Elronds und den Dúnedain fort.2
Die Einheit der Dúnedain beschreibt der Text weniger über Stammbäume als über Ähnlichkeit. Wenn Legolas die Verwandten an Aragorn misst, gilt er ihm als Maßstab für die ganze Sippe, und die Schar erscheint als Spiegel ihres Führers. Die Anhänge verfolgen allein die Linie der Stammesführer von Arnor bis zu Aragorn und schweigen über die einfachen Familien seines Volkes. Wer von den Reitern welchem Geschlecht entstammte, bleibt deshalb offen und sollte nicht ergänzt werden.3
- 1Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2, The Passing of the Grey Company
- 2Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2, The Passing of the Grey Company; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iii), Eriador, Arnor, and the Heirs of Isildur
- 3Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2, The Passing of the Grey Company; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iii), Eriador, Arnor, and the Heirs of Isildur
Rolle in der Erzählung
In der Erzählung steht die Graue Schar für den Moment, in dem das Verborgene des Nordens sichtbar wird. Bis dahin war der Dienst der Waldläufer nur behauptet worden, in Aragorns eigenen Worten und in den halben Andeutungen, die man in Bree über sie hörte. Mit ihrem Eintreffen bekommt dieser Dienst zum ersten Mal Gesichter, Pferde und eine gemeinsame Richtung. Zugleich verschiebt sich Aragorns Stellung im Gefüge der Geschichte: Wer bisher als einzelner Gefährte unter Gefährten zog, erscheint nun an der Spitze seines eigenen Volkes, und sein Anspruch als Erbe erhält ein Gefolge, das ihn bezeugt. Die Schar handelt dabei kaum aus eigenem Antrieb; sie ist das Zeichen, dass die Zeit des Verbergens vorüber ist.1
Erzähltechnisch ist ihr Weg ein Beispiel für das Verfahren des fünften Buches, die Handlungsstränge zu trennen und versetzt fortzuführen. Nach dem Aufbruch unter das Gebirge verlässt die Erzählung die Schar und folgt Théoden, Merry und den Verteidigern der Stadt. Die Leser erleben die Ankunft der Schiffe deshalb zuerst aus der Sicht derer, die auf dem Pelennor kämpfen und darin zunächst neues Unheil vermuten. Erst im Nachhinein, im Bericht von Legolas und Gimli, wird der Weg dorthin nachgeholt. So bleibt die Graue Schar über weite Strecken eine Macht im Hintergrund, deren Wirkung früher sichtbar wird als ihr Weg.2
Inhaltlich verkörpert die Schar einen Gedanken, der das ganze Buch durchzieht: dass Stärke nicht an der Zahl zu messen ist. Legolas' Bemerkung über die Verwandten Aragorns spricht ihn ausdrücklich aus, und die Geschichte der wenigen Reiter bestätigt ihn. Ebenso trägt die Schar den Gegensatz zwischen unscheinbarer Gestalt und verborgenem Rang, der schon Streicher auszeichnete. Das Grau der Mäntel und das zunächst verhüllte, dann offen gezeigte Banner bilden die beiden Pole eines Weges, auf dem aus namenlosen Wächtern wieder das Volk eines Königs wird.3
In Verfilmungen und Hörspielen

In Peter Jacksons Filmtrilogie, deren dritter Teil 2003 erschien, kommt die Graue Schar als Gruppe nicht vor. Weder Halbarad noch die Waldläufer aus dem Norden treten auf, und auch Elladan und Elrohir fehlen. Den Weg unter dem Gebirge geht Aragorn im Film allein mit Legolas und Gimli, sodass die Pfade der Toten nicht mehr das Unternehmen eines Volkes sind, sondern das dreier Gefährten. Die Aufgabe, Aragorn auf diesen Weg zu weisen, übernimmt Elrond selbst. Er sucht ihn im Lager von Dunharg auf und bringt ihm das neu geschmiedete Schwert Andúril, das im Buch schon vor dem Aufbruch der Gefährten aus Bruchtal erneuert worden war. Auch das Ende des Zuges weicht ab. Die Eidbrecher werden nicht schon in Pelargir entlassen, sondern kommen mit den Schiffen bis zum Pelennor und greifen dort selbst in die Schlacht ein. Aragorn entlässt sie erst danach. Die Deutung, die das Buch mit der Schar verbindet, entfällt damit weitgehend: die Heimkehr eines verborgenen Volkes an die Seite seines Königs.1
Die älteren Zeichentrickfassungen geben für die Schar wenig her. Ralph Bakshis Film von 1978 bricht nach der Schlacht an der Hornburg ab und endet damit, bevor die Dúnedain in Rohan eintreffen; ein zweiter Teil, der diesen Stoff hätte aufnehmen können, ist nie entstanden. Die Graue Schar hat daher in keiner abgeschlossenen Kinofassung der Zeit vor Jackson einen Auftritt. Ausführlicher ist nach allgemeinem Urteil die Hörspielbearbeitung der BBC von 1981, die dem Roman über sechsundzwanzig Folgen hinweg eng folgt. Einzelheiten zu Besetzung und Gestaltung der Schar in dieser Fassung lassen sich hier jedoch nicht sicher genug belegen und werden deshalb nicht verzeichnet.2



