Herkunft und Namen

Boromir entstammt dem Haus der Truchsessen von Gondor, das sich auf Húrin von Emyn Arnen zurückführt, einen Mann hohen númenórischen Geblüts und Truchsess König Minardils; seit Mardil verwaltete diese Linie das Reich stellvertretend und in erblicher Folge. Geboren wurde er im Jahr 2978 des Dritten Zeitalters als erster Sohn Denethors II. und der Finduilas, einer Tochter Adrahils von Dol Amroth, womit sich in ihm die Überlieferung der Stadtherren mit der des südlichen Fürstenhauses verband. Fünf Jahre später kam sein Bruder Faramir zur Welt; die Mutter starb, als Boromir zehn Jahre alt war, sodass beide Söhne im Haushalt eines alternden und zunehmend verschlossenen Vaters aufwuchsen. Als Ältester war er der Erbe des Truchsessenamtes, dessen Träger seit Jahrhunderten für einen König walteten, der nicht zurückgekehrt war.

Von Gestalt und Stolz her galt er den Chronisten als Ebenbild seines Vaters, in vielem sonst aber als dessen Gegensatz: kein Mann der Bücher und der langen Erwägung, sondern des Feldlagers und der offenen Rede. Sein Amt führte den Titel eines Hauptmanns des Weißen Turms; in Minas Tirith wie im Heer wurde er weithin geschätzt, und in Bruchtal stellte er sich vor Fremden nicht anders vor denn als Sohn Denethors und Mann Gondors. Die Aussprache seines Namens folgt den allgemeinen Regeln der westlichen Sprachen Mittelerdes: Da die mittlere Silbe kurz ist, liegt der Ton auf der ersten, „Bó-ro-mir“, und die Vokale behalten ihren reinen, unverschliffenen Klang.

Der Name ist erheblich älter als sein bekanntester Träger. Bereits im Ersten Zeitalter führte ihn ein Mann aus dem Haus BeorsBoromir, Sohn Borons und Urgroßvater Berens —, jenes Geschlechts also, das zuerst in das Bündnis mit den Noldor eintrat. In den Elbensprachen entspricht das zweite Namensglied dem Wort für „Juwel“, wie es in zahlreichen Namen des Elder Days wiederkehrt; das erste Glied wird in den veröffentlichten Schriften nicht sicher gedeutet, sodass jede weitergehende Auflösung Vermutung bliebe. Auch in Gondor selbst war der Name kein neuer: Im fünfundzwanzigsten Jahrhundert des Dritten Zeitalters trug ihn ein regierender Truchsess, ebenfalls Sohn eines Denethor, der Ithilien gegen Mordor behauptete und an einer Morgulwunde vorzeitig verzehrt wurde. Solche Namenswiederholungen sind für das Haus der Truchsessen bezeichnend: Sie verweisen weniger auf einzelne Vorbilder als auf den Anspruch, in einer ungebrochenen Reihe von Wächtern zu stehen.

Geschichte

In das Licht der Überlieferung tritt Boromir mit dem Sommer des Jahres 3018 des Dritten Zeitalters. Im Juni jenes Jahres warf Sauron seine Macht gegen Osgiliath, die alte Brückenstadt am Anduin; das Ostufer ging verloren, und nur die Zerstörung der letzten Brücke hielt den Feind auf. Boromir befehligte die Verteidigung gemeinsam mit seinem Bruder und gehörte zu der Handvoll Männer, die sich schwimmend über den Strom retteten. In eben jener Zeit suchte ein Traum die Söhne Denethors heim, Faramir mehrfach, Boromir ein einziges Mal: eine Stimme sprach von einem zerbrochenen Schwert, das in Bruchtal zu suchen sei, von einem Rat, der zusammentreten werde, von Isildurs Fluch, der sich erheben solle, und von einem Halbling, der auftreten werde. Da der Weg weit und ungewiss war und die Kunde vom Norden in Gondor längst verblasst, beanspruchte der Ältere die Fahrt für sich und brach am vierten Juli aus Minas Tirith auf.

Die Reise dauerte hundertzehn Tage und führte durch Länder, deren Straßen aufgelassen und deren Namen in Gondor nur noch aus alten Aufzeichnungen bekannt waren. An den Furten der Grauflut bei Tharbad verlor er sein Pferd und legte den weiteren Weg zu Fuß zurück, oft irrend, denn niemand vermochte ihm den Pfad nach Bruchtal zu weisen. Am vierundzwanzigsten Oktober erreichte er erschöpft das Haus Elronds, wenige Stunden nachdem der verwundete Ringträger dort in Sicherheit gebracht worden war. Am folgenden Tag trat der Rat zusammen, und Boromir trug vor, was das Traumwort ihn zu fragen geheißen hatte. Dort erfuhr er, dass das zerbrochene Schwert und der Erbe Isildurs leibhaftig vor ihm standen — ein Anspruch, dem er mit Zurückhaltung begegnete, denn Gondor hatte lange ohne König ausgehalten.

Im Rat vertrat er als Einziger offen den Gedanken, den Ring als Waffe zu führen: Gondor halte seit Menschengedenken die Grenze, ihm gebühre das Mittel, mit dem der Feind zu schlagen sei. Elrond und Gandalf wiesen dies zurück, da das Werk Saurons keinem anderen Herrn diene als ihm selbst, und Boromir fügte sich dem Beschluss, den Ring zum Feuer des Schicksalsbergs zu tragen. Aufgegeben aber hatte er den Einwand nicht; er begleitete ihn schweigend weiter. Als Vertreter der Menschen des Südens trat er der Gemeinschaft des Rings bei, die am fünfundzwanzigsten Dezember aus Bruchtal aufbrach. Zum Abschied blies er sein großes Horn, obwohl Elrond ihm riet, es künftig nur in äußerster Not erklingen zu lassen.

Auf dem Marsch erwies er sich als der Verlässlichste in allem Handgreiflichen. Sein Rat, Brennholz auf den Caradhras hinaufzutragen, rettete die Gefährten in der Schneenacht; danach brach er zusammen mit Aragorn eine Gasse durch die Wehen und trug die kleineren Gefährten aus der Höhe hinab. Vor den Toren von Moria warf er unmutig einen Stein in das dunkle Wasser und weckte damit das Wesen, das darin lauerte. In den Minen stemmte er sich mit an die Kammertür von Mazarbul, und nach dem Sturz Gandalfs in der Brücke von Khazad-dûm am fünfzehnten Januar 3019 führte er neben Aragorn die Verstörten ins Freie. In Lothlórien blieb er unter allen der Unruhigste: Er sprach später davon, dass die Herrin ihm im Blick eine Wahl vorgehalten habe, und misstraute ihr selbst.

Am sechzehnten Februar verließ die Gemeinschaft Lórien in Booten, und je näher der Strom seiner Heimat kam, desto offener drängte Boromir darauf, nach Minas Tirith zu ziehen statt nach Osten. Zehn Tage später, am sechsundzwanzigsten Februar, lagerten die Gefährten am Parth Galen unterhalb von Rauros, wo die Entscheidung über den weiteren Weg fallen sollte. Boromir folgte Frodo, der allein in die Hügel gegangen war, und suchte ihn zuerst mit Gründen, dann mit Gewalt zur Herausgabe des Rings zu bewegen. Der Ringträger entzog sich ihm unsichtbar; Boromir stürzte, kam zu sich und erkannte, was über ihn gekommen war. Weinend rief er den Fliehenden zurück und kehrte allein ins Lager, wo die Gefährten sich bereits zerstreut hatten.

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Schicksal

Noch am selben Tag fiel eine Schar Orks über das Ufer her. Boromir stellte sich zwischen sie und Merry und Pippin, blies sein Horn und kämpfte, bis ihn zahlreiche Pfeile trafen; die beiden Hobbits wurden dennoch fortgeschleppt. Aragorn fand ihn sterbend an einem Baum lehnend, umgeben von erschlagenen Feinden. Boromir gestand ihm, was er Frodo hatte antun wollen, nannte sich einen Gescheiterten und bat ihn, Minas Tirith beizustehen. Man legte den Toten mit seinen Waffen und denen der gefallenen Gegner in eines der Elbenboote und übergab ihn dem Strom, der ihn über die Fälle von Rauros trug; Aragorn und Legolas sangen ihm ein Klagelied nach den Winden, Gimli schwieg zum Ostwind. In Gondor hörte man an jenem Tag den fernen Ton des Horns; wenig später trieb das Boot an Osgiliath vorbei, wo Faramir es im Zwielicht sah, und die beiden Hälften des zerspaltenen Horns kamen an den Sitz des Truchsessen.

Rolle und Fähigkeiten

Im Gefüge der Erzählung ist Boromir die Stimme des Südreiches. Als Elrond die Gefährten bestimmte, traten für die Menschen zwei ein: Aragorn als Träger eines alten Anspruchs und Boromir als Abgesandter des Reiches, das die Grenze tatsächlich hielt. Damit ist er der Einzige der Gemeinschaft, hinter dem eine Regierung, ein Heer und eine belagerte Stadt stehen, und seine Aufgabe ist weniger die des Ratgebers als die des Einwands: Er bringt zur Sprache, was ein kriegführendes Volk von einem gefundenen Machtmittel erwarten würde, und nötigt den Rat dadurch, die Ablehnung dieses Weges ausdrücklich zu begründen. Dass er nicht für sich selbst spricht, sondern für Minas Tirith, gibt dem Einwand sein Gewicht und der Antwort ihre Schärfe.

Seine Macht ist durchweg weltlicher Art: Waffenkunst, Körperkraft, Ausdauer und die Gewöhnung an Befehl. In Gondor führte er in jungen Jahren ein hohes Kommando und galt im Heer als der Mann, dem man folgte; auf der Fahrt war sein Beitrag stets ein handgreiflicher, nicht ein beratender. Zwei Dinge bezeichnen seinen Rang. Das eine ist das große Horn aus dem Gehörn eines der wilden Rinder Araws, das Vorondil der Jäger einst in den weiten Feldern von Rhûn erlegte; in Silber gefasst und mit alten Zeichen beschrieben, wurde es seit Generationen vom jeweils ältesten Sohn des Truchsessenhauses geführt. Das andere ist der goldene Gürtel, den er beim Abschied aus Lórien empfing — die einzige Gabe elbischer Kunst, die in seine Hände kam.

Die Grenzen dieser Ausstattung sind sämtlich benannt. Über Wissen von Ringen und alter Kunde verfügte er nicht; das Traumwort, das ihn nach Norden schickte, blieb ihm ungedeutet, bis andere es ihm auslegten, und was in Lórien geprüft wurde, konnte er nur als Bedrohung wahrnehmen. Sein Amt gab ihm Befehl, aber keine Herrschaft: Die Truchsessen führten weder Krone noch Zepter, sondern verwalteten stellvertretend, und ein Anspruch auf mehr stand ihm nicht zu. Selbst das Horn wirkt nur als Nachricht — der Überlieferung nach sollte sein Ruf innerhalb der alten Reichsgrenzen nicht ungehört bleiben, und gehört wurde er auch, doch Hilfe brachte er keine. Vor allem aber war der Rat vorab darüber einig, dass keines Menschen Kraft dem Einen Ring gewachsen sei; dass gerade der stärkste Kämpfer der Gemeinschaft daran zerbrach, ist in der Erzählung kein Zufall, sondern der Beweis des Satzes.

Beziehungen

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Schicksal

Keine Bindung hat Boromirs Stellung so bestimmt wie die zu seinem Vater. Denethor sah in dem Älteren den Sohn, der ihm glich, und ließ beide Söhne den Unterschied spüren; noch nach dem Verlust hielt er dem Überlebenden vor, er wünschte, die Plätze der Brüder wären vertauscht gewesen. Was über Boromir als Bruder bekannt ist, stammt fast ausschließlich aus Faramirs Rede vor Frodo in Ithilien, und sie enthält weder Neid noch Vorwurf: Faramir nannte ihn einen Mann von großem Herzen, dem an Gondors Sieg und am eigenen Ruhm darin gelegen war, und bekannte, ihn geliebt zu haben, ohne seine Art zu teilen. Dass der Jüngere ihm nachtrauerte und zugleich klar sah, wo er gefährdet war, gehört zu den genauesten Zeugnissen über ihn.

In der Gemeinschaft standen ihm die beiden jüngsten Hobbits am nächsten; er war ihr Beschützer im Gebirge und blieb es bis zuletzt. Wie viel das gewogen hat, zeigte sich erst später, als Pippin dem Truchsessen seinen Dienst antrug und dies ausdrücklich als Abtrag einer Schuld verstand. Zu Aragorn verhielt er sich zurückhaltend, wo es um Anspruch und Weg ging, und beide widersprachen einander offen; gleichwohl sprach Aragorn ihn am Ende nicht schuldig, sondern zugestand ihm, er habe die Prüfung bestanden, und trug dessen Bitte um Minas Tirith als eigene Verpflichtung weiter. Frodo dagegen entfernte sich von ihm, je näher der Strom Gondor kam, und traf seine Entscheidung nicht zuletzt in Ansehung dessen, was er an ihm bemerkt hatte.

Gegenüber den Weisen blieb sein Verhältnis kühl: Elronds Auslegung nahm er hin, ohne überzeugt zu sein, Gandalf begegnete er als einem Ratgeber, der seinem Vater lästig war, und Denethor rühmte ihn später eben dafür — er sei treu gewesen und keines Zauberers Schüler und würde das Fundstück seinem Vater gebracht haben: ein Urteil, das mehr über den Truchsessen aussagt als über den Sohn. Außerhalb Gondors galt sein Name vor allem in Rohan etwas, wo Éomer die Nachricht seines Todes als schweren Verlust aufnahm. Der Feind selbst, gegen den sein ganzes Leben eingerichtet war, ist ihm nie leibhaftig begegnet; ihn erreichte nur dessen Werk.

Entwürfe und Varianten

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Schicksal

Der Gesandte Gondors gehört zu den späten Zugängen der Erzählung. In den frühesten Fassungen des Rates von Elrond, wie sie in „The Return of the Shadow“ mitgeteilt werden, fehlt ein Vertreter des Südreiches noch ganz; die Zusammensetzung der Gefährten blieb über mehrere Anläufe offen, und mit ihr die Frage, wer für die Menschen des Südens sprechen sollte. Als die Figur dann in die Entwürfe eintritt, geschieht es ohne erzählerische Vorbereitung, in bereits weitgehend ausgeprägter Gestalt und unter dem Namen, den sie behalten sollte. Auch das Land, für das sie einsteht, hieß zunächst anders: In den Papieren und auf den zugehörigen Kartenskizzen steht über lange Strecken die Form Ondor, ehe Gondor sich durchsetzte. Der Bruch der Gemeinschaft und das Ende oberhalb der Fälle nahmen erst in der folgenden Arbeitsphase Gestalt an, deren Handschriften „The Treason of Isengard“ vorlegt.

Zur ursprünglichen Anlage gehört ferner, dass Boromir kein Geschwister besaß. Faramir entstand erst während der Niederschrift des vierten Buches, als der Weg der Ringträger nach Ithilien führte; sein Auftreten war nicht vorgesehen, und die in „The War of the Ring“ abgedruckten Entwürfe zeigen ihn als Zuwachs, der auf das bereits Geschriebene zurückwirkte — dazu zählt die Verteilung des Traumgesichts auf zwei Söhne, dessen Wortlaut die Handschriften in mehreren Fassungen bewahren. Ähnlich spät verfestigte sich das genealogische Gerüst: die fortlaufende Reihe der Truchsessen, ihre Amtsjahre und die Lebensdaten der Söhne Denethors gehören zu dem Material, das für die Anhänge ausgearbeitet wurde und in „The Peoples of Middle-earth“ unter dem Titel „The Heirs of Elendil“ vorliegt. Diese Aufstellungen weichen an einzelnen Stellen von den gedruckten Anhängen ab, sodass die geläufigen Zahlen das Ergebnis mehrfacher Überarbeitung sind.

Adaptionen

In der Zeichentrickfassung, die Ralph Bakshi 1978 vorlegte, wird Boromir von Michael Graham Cox gesprochen. Der Film bricht nach dem Kampf um Helms Klamm ab und blieb ohne den geplanten zweiten Teil, doch das Ende am Parth Galen liegt vor diesem Einschnitt und ist enthalten. Da große Teile der Animation nach abgefilmten Darstellern gezeichnet wurden, tritt die Figur körperlich stark hervor; erzählerisch fällt vor allem auf, dass der letzte Kampf ausgeführt wird, den der Roman überhaupt nicht schildert, sondern erst aus dem Fund des Sterbenden erschließen lässt. Derselbe Sprecher übernahm die Rolle drei Jahre später in der Hörspielbearbeitung des BBC von 1981, die den Stoff auf sechsundzwanzig halbstündige Teile verteilt und als die buchnächste der älteren Fassungen gilt. Weil ein Hörspiel auf Rede angewiesen ist, muss auch hier ins Gespräch gesetzt werden, was im Buch Bericht bleibt.

In Peter Jacksons Verfilmung von 2001 bis 2003 spielt Sean Bean die Rolle. Die auffälligste Umstellung betrifft den Aufbau: Bruch der Gemeinschaft und Tod stehen am Ende des ersten Films, während der Roman diese Szene an den Anfang des zweiten Bandes rückt. Der Anführer der angreifenden Schar ist eine Erfindung des Drehbuchs und trägt einen im Buch nicht vorkommenden Namen; anders als dort erreicht Aragorn den Kampfplatz rechtzeitig und greift ein, sodass aus dem einsamen Ende ein Zweikampf mit Zeugen wird. Das Traumwort, das die Figur im Roman überhaupt erst nach Norden führt, verliert seine Funktion: In der erweiterten Fassung geht der Auftrag von Denethor aus, der den Sohn ausdrücklich nach dem Fundstück ausschickt, womit die Versuchung von Beginn an väterlich vorbelastet ist. Hinzuerfunden sind ferner der Fechtunterricht für die beiden jüngeren Hobbits, ein Wortwechsel über die Bruchstücke des Schwertes in Bruchtal und, ebenfalls in der erweiterten Fassung des zweiten Teils, eine Rückblende auf eine Rückeroberung Osgiliaths, die es im Buch nicht gibt.