Herkunft und Namen

Schattenfell entstammt den Mearas, jenem edlen Pferdegeschlecht der Mark, dessen Ursprung die Überlieferung Rohans auf Felaróf zurückführt, das Ross Eorls des Jungen, des ersten Königs der Rohirrim. Von alters her gelten die Mearas als überlegen an Kraft, Ausdauer und Verstand; man sagt ihnen nach, sie verstünden die Sprache der Menschen wie kein anderes Pferd. Sie weiden frei in den Grasländern der Mark, zählen aber seit Eorls Tagen zu den königlichen Herden, und unter ihnen gilt Schattenfell selbst den Reitern Rohans als der Erste seines Geschlechts. Sein Fell schimmert in einem hellen, fast silbrigen Grau, das ihn schon von weitem von gewöhnlichen Schimmeln unterscheidet.

Der Überlieferung nach duldeten die Mearas seit Eorls Zeiten keinen anderen Reiter als den König der Mark oder dessen Söhne; jeden fremden Zaum und jeden fremden Willen wiesen sie zurück. Schattenfell bricht mit dieser jahrhundertealten Regel gleich zweifach: Er lässt sich von keinem Herrscher der Mark lenken, sondern bleibt wild und ungebunden, und der Einzige, dem er sich am Ende fügt, ist kein Mensch aus dem Hause Eorls, sondern der Zauberer Gandalf. Damit steht er in der Geschichte seines Geschlechts ohne Vorbild.

Sein Name folgt, wie die meisten Namen der Rohirrim, der Übersetzungskonvention, die Tolkien für die Sprache der Mark wählte, und ist ins Neuenglische übertragen. Im englischen Original setzt sich „Shadowfax“ aus „shadow“ („Schatten“) und einem alten Wort für Mähne oder Haar zusammen; die deutsche Übertragung Margaret Carrouxs, „Schattenfell“, greift denselben Sinn auf und verweist auf sein schimmerndes graues Fell. Unter den Reitern der Mark ist er zudem als „Herr der Mearas“ bekannt, ein Titel, der seine Stellung als Erster seines Geschlechts festhält.

Geschichte

Im Spätsommer des Jahres 3018 des Dritten Zeitalters, kurz nach seiner Flucht aus dem Turm von Isengart, erreicht Gandalf auf dem Rücken des Adlers Gwaihir die Grenzen Rohans und wendet sich nach Edoras, um Théoden um ein Ross zu bitten. Der König, von Wurmzunge zur Zurückhaltung gedrängt, gewährt ihm dennoch die Wahl unter der königlichen Herde – jedoch nur unter der Bedingung, dass er das Tier selbst einfangen müsse. Von allen Pferden lässt sich einzig Schattenfell nähern; er kommt aus eigenem Willen zu Gandalf und nimmt ihn als ersten und einzigen Reiter seines Lebens an.

Auf Schattenfells Rücken durchquert Gandalf in den folgenden Wochen weite Teile Mittelerdes, sucht vergeblich nach Nachricht von den Hobbits im Auenland und kehrt schließlich im Herbst desselben Jahres nach Bruchtal zurück, wo er am Rat Elronds teilnimmt. Da Schattenfell sich keinem Stall und keiner dauerhaften Führung fügt, lässt Gandalf ihn danach wieder frei in die Weiten Rohans ziehen; er kommt fortan nur, wenn Gandalf ihn ruft, und bleibt sonst unter seinesgleichen.

Erst nach Gandalfs Sturz mit dem Balrog von Moria und seiner Rückkehr als der Weiße Reiter, Ende Februar 3019, ruft der Zauberer im Wald von Fangorn erneut nach seinem Pferd. Schattenfell eilt ohne Zaum und Sattel über die Ebenen herbei und lässt sich von Gandalf im Angesicht von Aragorn, Legolas und Gimli besteigen; von diesem Zeitpunkt an trägt er ihn ohne Unterbrechung durch die entscheidenden Monate des Ringkriegs.

Gemeinsam reiten sie nach Edoras, wo Théoden sein einstiges Ross wiedererkennt, und weiter nach Isengart zur Begegnung mit dem besiegten Saruman und dem befreiten Baumbart. Bald darauf trägt Schattenfell Gandalf und den Hobbit Pippin in einem Ritt von außergewöhnlicher Schnelligkeit von Rohan nach Minas Tirith; kein anderes Ross der Mark hätte die Strecke in vergleichbarer Zeit bewältigen können, und die Boten der Stadt erreichen ihr Ziel, ehe Gondors Belagerung ihren vollen Lauf nimmt.

Während der Belagerung Gondors ist Schattenfell das einzige Ross, das dem Grauen vor den geflügelten Reittieren der Nazgûl standhält, während ringsum alle anderen Pferde vor Schrecken durchgehen. Er trägt Gandalf bis an das gesprengte Stadttor, wo dieser sich dem Hexenkönig von Angmar entgegenstellt; die Begegnung bleibt ohne Entscheidung, da in diesem Augenblick die Hörner der ankommenden Rohirrim erklingen und den Hexenkönig ablenken.

Nach dem Ende des Krieges trägt Schattenfell Gandalf noch auf dessen letzten Wegen durch Mittelerde, ehe beide sich im Herbst 3021 den aufbrechenden Ringträgern anschließen. Gemeinsam reiten sie zu den Grauen Anfurten, wo Gandalf mit Bilbo und Frodo über das Meer scheidet; Schattenfell begleitet ihn bis an die Küste und beschließt damit sichtbar für die Überlieferung Rohans die gemeinsame Geschichte von Ross und Reiter.

Rolle und Fähigkeiten

Innerhalb der Erzählung ist Schattenfell vor allem Gandalfs Mittel, um in kürzester Zeit weite Strecken Mittelerdes zu überwinden und so an entscheidenden Wendepunkten des Ringkriegs rechtzeitig zur Stelle zu sein. Anders als jedes andere Pferd der Mark duldet er weder Zaum noch Sattel; Gandalf lenkt ihn allein durch Zuruf und Willen, ein Vertrauensverhältnis, das unter den Mearas ohne Beispiel bleibt. Diese enge Bindung erlaubt es dem Zauberer, ohne die sonst übliche Vorbereitung eines Rittes aufzubrechen und sich ganz auf die Dringlichkeit seiner jeweiligen Botschaft zu verlassen. In diesem Sinn ist Schattenfell weniger Randfigur als ein stiller, aber wesentlicher Bestandteil von Gandalfs Handlungsfähigkeit im späteren Kriegsverlauf.

Seine herausragende Eigenschaft ist eine Schnelligkeit, die alle anderen Pferde übertrifft, verbunden mit einer Ausdauer, die ihn über Tage hinweg kaum ermüden lässt. Gandalf beschreibt ihn als ein Tier, das die Sprache der Menschen versteht, ohne selbst sprechen zu können, und das eher die Absicht seines Reiters erfasst, als dass es auf Zügelbefehle angewiesen wäre. Diese Gaben gelten der Überlieferung nach für die Mearas insgesamt, sind in Schattenfell jedoch zu ihrer höchsten Ausprägung gesteigert, sodass er unter seinesgleichen als unerreicht gilt.

Bei aller Außergewöhnlichkeit bleibt Schattenfell jedoch ein sterbliches Pferd ohne eigene Zauberkraft; seine Fähigkeiten sind Steigerungen natürlicher Vorzüge, nicht Ausdruck einer magischen Natur, und nirgends deutet der Text an, dass er selbst Zauber wirken oder Wunden ganz entgehen könnte. Er kämpft nicht und trägt keine Waffen; seine Rolle bleibt die des Trägers, nicht die eines Verbündeten im eigentlichen Kampfgeschehen. Auch seine Freiheit hat Grenzen: Er unterstellt sich Gandalf aus eigenem Entschluss, lässt sich aber, wie jedes Tier seines Geschlechts, weder erzwingen noch mit Gewalt beherrschen.

Beziehungen

Unter allen Gefährten, die Schattenfell im Verlauf des Krieges trägt, bleibt die Bindung zu Gandalf ohne Vergleich. Während Aragorn, Legolas, Gimli und später Pippin lediglich Reisende auf seinem Rücken sind, die er duldet, weil Gandalf es so will, gilt seine eigentliche Treue allein dem Zauberer. Diese Beziehung beruht nicht auf Herrschaft, sondern auf einer stillschweigenden Übereinkunft zweier eigenständiger Wesen: Gandalf befiehlt ihm nicht, er bittet ihn, und Schattenfell folgt aus freiem Entschluss. Gerade weil er sich zuvor keinem Menschen unterworfen hat, wirkt diese Ausnahme wie ein Urteil über Gandalf selbst – ein stilles Zeugnis dafür, dass die Mearas in ihm etwas erkennen, das über gewöhnliche Reiter hinausgeht.

Zu Théoden, dem König der Mark, unterhält Schattenfell ein anderes, distanzierteres Verhältnis. Als Théoden ihn in Edoras wiedersieht, erkennt er in ihm nicht den eigenen Untertan, sondern ein Tier, das sich seiner Krone entzogen hat und nun einem Fremden dient; die Begegnung ist von Achtung geprägt, nicht von Anspruch. Théoden nimmt diese Verschiebung ohne Groll hin, was zeigt, wie sehr die Reiter der Mark die Freiheit der Mearas als deren angestammtes Recht begreifen, selbst wenn sie den Verlust ihres stolzesten Pferdes an einen Außenstehenden hinnehmen müssen. So spiegelt sich in dieser knappen Begegnung das gesamte Selbstverständnis Rohans: Herrschaft über Menschen, doch nur geliehene Nähe zu den Mearas.

Zu den übrigen Gefährten entwickelt Schattenfell keine vergleichbare Nähe, doch seine bloße Gegenwart verändert, wie sie Gandalf begegnen. Wenn er Pippin nach Minas Tirith trägt, ist es nicht der Hobbit, dem er sich anvertraut, sondern einzig die Anwesenheit Gandalfs, die den Ritt erst ermöglicht; Pippin bleibt Passagier einer Beziehung, die ihm selbst verschlossen bleibt. Auch gegenüber Sarumans einstiger Macht und den Schrecken der Nazgûl zeigt sich, wie sehr Schattenfells Standhaftigkeit an sein Vertrauen zu Gandalf gebunden ist: Wo andere Pferde vor Furcht versagen, hält er aus, weil derjenige, dem er sich unterstellt hat, an seiner Seite bleibt. Am Ende ist es folgerichtig Gandalf allein, den er bis an die Grauen Anfurten begleitet – die letzte und deutlichste Bestätigung, dass diese eine Bindung sein gesamtes Wesen als getragenes Ross bestimmt hat.

In den Adaptionen

In Peter Jacksons Filmtrilogie (2001–2003) ist Schattenfell von Gandalfs Rückkehr an durchgehend präsent; für die Aufnahmen wurden helle Andalusier eingesetzt, die ihm sein charakteristisches Grau geben. Die deutlichste Abweichung vom Roman betrifft seine Herkunft: Gandalfs Ritt nach Edoras im Jahr 3018 und die Bitte an Théoden um ein Ross entfallen ersatzlos, da der erste Film den Zauberer nach der Befreiung aus Isengart unmittelbar nach Bruchtal gelangen lässt. Schattenfell tritt daher ohne Vorgeschichte auf, als Gandalf ihn im Wald von Fangorn herbeiruft; erst Aragorn ordnet ihn dort als Ersten aller Pferde ein, womit die im Buch ausführlich erzählte Ausnahmestellung der Mearas auf eine knappe Kennzeichnung zusammenschrumpft. Auch praktische Zugeständnisse fallen auf: Während Tolkiens Text betont, dass das Tier weder Zaum noch Sattel duldet, zeigen die Filme es aus Gründen der Handhabbarkeit mit Zaumzeug. Die Begegnung Gandalfs mit dem Hexenkönig am zerbrochenen Tor von Minas Tirith, bei der Schattenfell im Buch als einziges Pferd standhält, hat wiederum nur in der verlängerten Schnittfassung des dritten Teils Platz gefunden und fehlt in der Kinofassung ganz.

Die älteren Bearbeitungen räumen der Figur naturgemäß weniger Raum ein. Ralph Bakshis Zeichentrickfassung von 1978, deren Bewegungen weitgehend von realen Filmaufnahmen abgepaust wurden, bricht nach der Schlacht um die Hornburg ab und wurde nie fortgesetzt; der Ritt nach Minas Tirith, die Belagerung Gondors und der Abschied an den Grauen Anfurten liegen damit sämtlich außerhalb ihres Erzählbogens, sodass von Schattenfells Laufbahn nur der Auftritt an der Seite des wiedergekehrten Zauberers übrig bleibt. Die BBC-Hörspielfassung von 1981 wiederum ist mit sechsundzwanzig halbstündigen Folgen die vollständigste der frühen Bearbeitungen und gilt als die buchnächste, kann eine stumme Tiergestalt im rein akustischen Medium jedoch nur mittelbar fassen: Schattenfell besitzt keinen eigenen Sprecher und wird ausschließlich über die Erzählstimme und die Reden der Umstehenden greifbar, allen voran über den von Michael Hordern gesprochenen Gandalf.