Namen und Schmiede
„Ringe der Macht“ ist ein Sammelname, kein Name eines Einzelstücks: Er fasst die neunzehn in Eregion geschaffenen Ringe und den Einen zusammen, der ihnen übergeordnet wurde. Gandalf trennt im Gespräch mit Frodo die geringeren Ringe — Übungsstücke der Schmiedekunst, wie sie in früheren Zeiten entstanden — von den Großen Ringen; nur diese heißen Ringe der Macht, und beide Bezeichnungen stehen im Gebrauch nebeneinander. Unterschieden werden sie gewöhnlich nicht durch Namen, sondern durch ihre Zahl: die Drei, die Sieben, die Neun. Die Drei tragen zusätzlich den Namen Elbenringe, weil sie in elbischer Hand verblieben; der Eine heißt auch der Herrscherring und wird im Rat zu Bruchtal Isildurs Fluch genannt.
Die Schmiede, die sie hervorbrachten, waren zu einem Bund zusammengeschlossen, den Gwaith-i-Mírdain, dem Volk der Juwelenschmiede von Eregion; der Kunstreichste unter ihnen war Celebrimbor, ein Sohn Curufins aus dem Hause Feanors. Ihr Land lag westlich des Nebelgebirges, in Reichweite des Westtors von Khazad-dûm, und zwischen den Elben Eregions und den Zwergen dort bestand ein ungewöhnlich enger Verkehr, der beiden Seiten Wissen und Werkstoffe zutrug. Von den neunzehn Ringen führen allein die Drei eigene Namen: Narya, der Ring des Feuers, Nenya, der Ring aus Diamant, und Vilya, der mächtigste, der Ring der Luft. Sie entstanden zuletzt, und Celebrimbor schuf sie ohne fremde Hand.
Der Lehrmeister, dem die Mírdain ihr gesteigertes Können verdankten, gab sich unter mehreren Namen: Als er in schöner Gestalt zu ihnen kam und sich als Abgesandter aus dem Westen ausgab, nannte er sich vor den Eldar Artano, den Hochschmied, und Aulendil, den Diener Aules — vor allem aber Annatar, den Herrn der Geschenke. Seinen eigenen Namen verschwieg er, und in Lindon durchschaute man ihn: Gil-galad und Elrond nahmen ihn nicht auf, in Eregion dagegen fand er Gehör. Der Anhang zum Herrn der Ringe setzt den Beginn der Arbeit an den Großen Ringen um das Jahr 1500 des Zweiten Zeitalters an, die Vollendung der Drei um 1590 und um 1600 das heimliche Werk Saurons im Feuer des Orodruin, fern von Eregion und ohne Wissen der Schmiede.
Gestalt und Wirkung
Über die äußere Gestalt der Ringe gibt der Text nur wenig preis, und dieses Wenige gilt fast ausschließlich den vier Stücken, die im Herrn der Ringe noch in Gebrauch sind. Nenya sieht Frodo in Lothlórien an Galadriels Hand als Reif aus Mithril mit einem einzelnen weißen Stein, der flackert wie ein Stern in frostiger Luft; sichtbar ist er nur dem, der selbst einen der Großen Ringe getragen hat. Vilya an Elronds Hand ist aus Gold gearbeitet und mit einem großen blauen Stein besetzt, Narya, das Gandalf zuletzt offen trägt, mit einem Stein, der rot ist wie Feuer. Der Eine dagegen ist gänzlich schmucklos, ein glatter Goldreif ohne Stein, und die in ihn geschnittenen Buchstaben treten erst hervor, wenn man ihn in die Glut legt. Von den Sieben und den Neun ist kein Aussehen überliefert, nur dass jeder der Sieben einen Kern aus Gold besaß.
Was ein Großer Ring vermag, hängt nach Gandalfs Auskunft vom Maß dessen ab, der ihn trägt; er verleiht keine feste Menge Kraft, sondern steigert die vorhandene. Gemeinsam ist ihnen die Fähigkeit, das Vergehen aufzuhalten — Bewahrung dessen, was ist, gegen den Verschleiß der Zeit. Für Sterbliche schlägt eben dies ins Gegenteil um: Wer einen solchen Ring behält, stirbt nicht, gewinnt aber auch kein Leben hinzu, sondern dauert fort, bis ihm jede Stunde zur Last wird; wer ihn oft benutzt, um unsichtbar zu werden, schwindet am Ende ganz und geht dauerhaft in einer Dämmerwelt. Bei den Zwergenherren griff dieser Mechanismus nicht. Sie erwiesen sich als zäh und schwer gefügig, wurden weder unsichtbar noch zu Schatten; die Ringe mehrten ihnen Gold, weckten aber Zorn und eine Gier, die kein Hort mehr stillte.
Die Grenzen benennt Elrond im Rat mit Nachdruck: Die Drei sind nicht für Krieg und Eroberung gemacht, und ihre Träger suchten nicht Stärke oder aufgehäuften Besitz, sondern Verstehen, Schaffen und Heilen. Herrschaft über andere Willen gewähren sie nicht — das ist die Fähigkeit des Einen, in den Sauron einen großen Teil seiner eigenen Kraft hatte übergehen lassen und der ihm, solange er ihn trug, die Werke der übrigen Ringe offenlegte. Eben deshalb legten die Elben die Drei sogleich ab, als sie ihn erkannten, und rührten sie nicht an, solange er den Einen besaß. Diese Bindung ist der eigentliche Vorbehalt gegen alles, was den Drei zugeschrieben wird: Was mit ihnen bewahrt wurde, steht und fällt mit dem Bestand des Einen, und mit dessen Ende erlischt auch ihre Kraft.
Geschichte
Der Bruch kam in dem Augenblick, da Sauron den Einen zum ersten Mal an die Hand steckte: Die Elben wurden seiner gewahr, und mit ihm des Betrugs, unter dem sie gearbeitet hatten. Celebrimbor schaffte die Drei aus Eregion fort — Nenya kam in Galadriels Obhut, die beiden anderen nach Lindon zu Gil-galad, wo Vilya blieb, bis sie später an Elrond überging, während Narya zuletzt in Círdans Hand war. Sauron forderte die Ringe heraus; da sie ihm verweigert wurden, kam es zum offenen Krieg zwischen ihm und den Elben, der 1693 des Zweiten Zeitalters begann. 1697 wurde Eregion verwüstet und Celebrimbor erschlagen, und die sechzehn übrigen Ringe fielen dem Feind in die Hände; die Zwerge schlossen daraufhin die Tore von Khazad-dûm. Erst 1701 wurde Sauron wieder aus Eriador zurückgedrängt, doch das Land der Juwelenschmiede erholte sich nicht mehr.
Aus diesem Raub stammt die Verteilung, unter der die sechzehn fortan bekannt sind: sieben an Herren der Zwerge, neun an Könige, Krieger und Zauberkundige unter den Menschen. Bei den Zwergen läuft daneben eine eigene Überlieferung mit, wonach der älteste der Sieben, der Ring Durins III., nicht von Sauron kam, sondern unmittelbar von den Schmieden Eregions gegeben wurde. Die neun Menschen unterlagen zuerst; um 2251 des Zweiten Zeitalters treten die Nazgûl erstmals hervor, und von da an sind sie in der Geschichte Mittelerdes nicht mehr Träger von Ringen, sondern Werkzeuge. Die Sieben nahmen einen anderen Weg: Drachenfeuer vernichtete einen Teil von ihnen samt den Horten, die sie hatten anwachsen lassen, und was übrig blieb, holte Sauron nach und nach zurück. Am Ende des Dritten Zeitalters waren drei in seiner Hand und vier von Drachen verzehrt; den letzten nahm man Thráin 2845 in den Verliesen von Dol Guldur ab.
Der Eine blieb weit länger bei seinem Schmied. Sauron trug ihn auch, als er sich 3262 den Númenórern gefangen gab, und er ging ihm im Untergang der Insel 3319 nicht verloren; er kehrte mit ihm nach Mordor zurück. Im Krieg des Letzten Bündnisses wurde er 3441 gestürzt, und Isildur schnitt ihm den Ring von der Hand, weigerte sich aber, ihn zu vernichten, und behielt ihn als Entgelt für Vater und Bruder. Zwei Jahre danach, im zweiten Jahr des Dritten Zeitalters, wurde er an den Schwertelfeldern überfallen; der Ring glitt ihm ab und lag darauf rund fünfundzwanzig Jahrhunderte im Anduin. Erst um 2463 kam er wieder ans Licht, als Déagol ihn aus dem Flussgrund zog und darüber von Sméagol erschlagen wurde; 2941 fand ihn Bilbo Beutlin unter dem Nebelgebirge, und 3001 gab er ihn an Frodo weiter.
Solange Sauron den Einen besaß, ruhten die Drei ungenutzt. Mit seinem Sturz am Ende des Zweiten Zeitalters änderte sich das: Der Eine war nicht zerstört, aber verloren, und was die Elben mit den Drei anfingen, blieb ihm verborgen. In diesen Jahrhunderten entstand, was im Dritten Zeitalter an ihnen sichtbar ist — Bruchtal unter Elrond, der Vilya führte, und Lothlórien unter Galadriel, die Nenya trug. Narya blieb bei Círdan in den Grauen Anfurten, bis er es dem ersten der Istari gab, die um das Jahr 1000 nach Mittelerde kamen; Gandalf hat es von da an geführt, ohne dass es außerhalb eines sehr engen Kreises bekannt war.
Das Ende kam für alle zugleich. Am 25. März 3019 fiel der Eine im Feuer des Orodruin, aus dem er gekommen war; in demselben Augenblick vergingen die Nazgûl, Barad-dûr stürzte, und was Sauron in das Werk gelegt hatte, war mit ihm dahin. Die Sieben und die Neun, soweit noch vorhanden, waren damit nichts weiter als Gold. Für die Drei bedeutete derselbe Sieg den Verlust ihrer Kraft, und das war den Trägern von Anfang an bewusst gewesen — sie hatten dafür gearbeitet, dass ihr eigenes Werk mit dem des Feindes endete. Im September 3021 gingen Elrond, Galadriel und Gandalf mit den Drei von den Grauen Anfurten aus über das Meer, und mit ihrer Abfahrt schloss das Dritte Zeitalter.
Rolle in der Erzählung
Der Ringstoff betritt die Handlung von unten und spät. Was Bilbo Beutlin unter dem Berg aufliest, ist zunächst ein brauchbares Fundstück, ein Ring, der unsichtbar macht und in einer Reihe von Abenteuern gute Dienste tut; erst Gandalfs Auskunft an Frodo macht daraus einen der Großen Ringe und liest die ältere Geschichte rückwirkend um. Damit hängt das Auenland, das von der Welt draußen kaum Notiz nimmt, plötzlich an einem Faden, der Jahrtausende zurückreicht. Der Rat zu Bruchtal setzt dieses Wissen dann öffentlich zusammen: Jeder der Anwesenden bringt ein Stück mit, und erst aus der Summe entsteht die Aufgabe, um die das ganze Buch geht. Die Ringe sind so weniger Gegenstände der Handlung als ihr Triebwerk — sie verbinden Zeitalter, Völker und Schauplätze, die sonst nichts miteinander zu tun hätten.
Vor allem aber dienen sie als Prüfstein für Personen. Der Eine wird im Verlauf der Erzählung mehreren angeboten oder gerät in ihre Reichweite, und jede Reaktion sagt mehr über den Betreffenden aus als jede Beschreibung. Gandalf lehnt Frodos Angebot ab, weil er den Ring gerade aus dem Wunsch zu helfen ergreifen würde und daraus etwas Furchtbares entstünde; Galadriel besteht dieselbe Probe an ihrem Spiegel und bleibt, was sie ist; Faramir erklärt in Ithilien, er würde das Ding nicht einmal aufheben, läge es am Wegrand. Boromir dagegen unterliegt, und Sam Gamdschie sieht sich für einen Augenblick als Herrn eines blühenden Gorgoroth, ehe sein nüchterner Verstand das Bild abweist. Die Ringe erzeugen auf diese Weise eine Reihe von Entscheidungssituationen, die den Figuren ihr Maß geben.
Sachlich stehen die Ringe für zwei Wünsche, die das Buch dicht nebeneinander stellt: festzuhalten, was vergeht, und über andere zu verfügen. Der erste ist der der Elben und wird mit Verständnis behandelt, aber nicht gerechtfertigt — was mit den Drei bewahrt wurde, ist schön und dennoch ein Aufschub. Der zweite wird an denen vorgeführt, die ihn angenommen haben: Die Ringgeister sind das erfüllte Versprechen der Ringe, Träger ohne eigenen Willen, und sie treten in der Erzählung nicht als Personen auf, sondern als Wirkung. Zwischen beidem liegt die Frage, die im Rat verhandelt wird, ob sich der Eine gegen seinen Schöpfer wenden lasse; die Antwort des Buches lautet nein, und daraus folgt, dass der einzige Weg der Verzicht ist. Der Sieg besteht nicht darin, die Macht besser zu gebrauchen, sondern darin, sie preiszugeben — und zwar unter Verlust auch dessen, was auf der eigenen Seite an ihr hing.
Entwürfe und Varianten
Der Ring aus dem Hobbit war zunächst kein Ring der Macht. Als Tolkien Ende 1937 an die Fortsetzung ging, stand nicht fest, dass das Fundstück zu einer Reihe gehörte; die frühesten Entwürfe wägen mehrere mögliche Beweggründe für eine neue Reise gegeneinander ab, und erst eine knappe Notiz bindet den Ring an den Dunklen Herrscher, zu dem er zurückstrebt. In den ersten Fassungen jenes Kapitels, aus dem später Der Schatten der Vergangenheit wurde, hält Gandalf bereits einen Vortrag über die Ringe — doch das Bild ist ein anderes: Sie stammen dort sämtlich vom Feind selbst, der sie schuf und austeilte, und von Eregion, von betrogenen Schmieden und einem Lehrmeister in schöner Gestalt ist nicht die Rede. Auch die Aufteilung in drei, sieben und neun und die Scheidung zwischen geringeren und Großen Ringen bildeten sich erst im Lauf der Arbeit heraus. Die gewachsene Bedeutung zwang Tolkien schließlich, in den bereits gedruckten Hobbit einzugreifen: 1947 schrieb er das Kapitel um Gollums Rätsel neu, weil ein Ring dieser Art nicht mehr als Preis eines Spiels hätte hergegeben werden können; die geänderte Fassung erschien 1951.
Die Vorgeschichte des Zweiten Zeitalters entstand rückwärts, aus dem Bedarf der Erzählung. Der Rat zu Bruchtal, in dem sie zum ersten Mal im Zusammenhang ausgesprochen wird, wurde in mehreren Anläufen umgeschrieben; die Entwürfe lassen erkennen, wie das verstreute Wissen der Anwesenden erst allmählich zu einem geschlossenen Bericht zusammenwuchs. Auch danach blieb der Stoff in Bewegung: Die Zeittafel des Zweiten Zeitalters liegt in mehreren Bearbeitungen vor, deren Jahresangaben zu Eregion und zum Krieg der Elben gegen Sauron voneinander abweichen. Selbst der Schmied blieb nicht unangetastet — in einer späten Notiz erwog Tolkien eine Herkunft Celebrimbors, die ihn nicht aus dem Hause Feanors herleitet, sondern unter die Teleri stellt. Was im veröffentlichten Bericht als eine einzige, gerundete Geschichte erscheint, ist demnach das Ergebnis einer langen Reihe von Entscheidungen, von denen einige bis zuletzt offen blieben.
Verfilmungen und Hörfassungen
Die älteren Bearbeitungen gehen mit der Ringkunde sehr unterschiedlich um. Der Zeichentrickfilm der Rankin/Bass-Produktion von 1977 erzählt allein den Hobbit und lässt den Ring darum das, was er dort zunächst ist: ein Fundstück, das unsichtbar macht; von einer Reihe geschmiedeter Ringe, von Eregion oder vom Dunklen Herrscher als Urheber ist keine Rede. Ralph Bakshis unvollendeter Film von 1978 stellt der Handlung dagegen eine knappe Vorgeschichte voran, die das Schmieden und die Verteilung auf Elben, Zwerge und Menschen zusammenfasst, ehe die Erzählung im Auenland einsetzt; da der Film nach der Schlacht in Helms Klamm abbricht, bleibt alles Weitere ungesagt. Der Fernsehfilm derselben Produktionsfirma von 1980 nimmt den letzten Teil der Geschichte auf, schließt aber nicht an Bakshi an und holt die Vorgeschichte nur in knapper Rückschau nach. Am vollständigsten verfährt die Hörfassung des BBC von 1981: Ihre sechsundzwanzig Teile behalten Gandalfs Bericht an Frodo und den Rat zu Bruchtal in solcher Länge bei, dass die Unterscheidung der Drei, der Sieben und der Neun und die Bindung an den Einen im Wesentlichen so ausgesprochen werden wie im Roman.
Peter Jacksons Filmreihe von 2001 bis 2003 eröffnet mit einem gesprochenen Vorspann Galadriels, in dem Cate Blanchett die Verteilung der neunzehn Ringe und Saurons heimliches Werk zusammenfasst. Die Täuschung, aus der die Ringe hervorgingen, entfällt dabei: Weder Annatar noch Celebrimbor noch der Bund der Schmiede werden genannt, und wer die neunzehn gefertigt hat, bleibt offen. Von den Drei tritt allein Galadriels Ring erkennbar in Erscheinung; Círdan fehlt, und damit auch die Übergabe Naryas an Gandalf, dessen Ring in der Reihe unerwähnt bleibt. Die zwischen 2012 und 2014 erschienene Hobbit-Reihe greift den Stoff von der anderen Seite auf und trägt Material aus den Anhängen ein, geht darin aber weit über die Vorlage hinaus: Die Neun erscheinen dort als Wesen, die in Grabkammern im Hochland gebannt lagen und erst wieder freikommen — ein Vorgang, für den es bei Tolkien keine Grundlage gibt, da die Ringgeister dort nie bestattet wurden. Auch das Schicksal des letzten Zwergenringes wird szenisch ausgeführt und in der erweiterten Fassung mit Thráins Gefangenschaft in Dol Guldur verbunden, wo der Roman nur eine Zeile der Zeittafel bietet.