Name und Herkunft

Der Name Nahar bezeichnet das Pferd, das der Vala Orome reitet, und er wird im Namensverzeichnis des Silmarillion nicht auf Gestalt, Farbe oder Abstammung des Tieres bezogen, sondern auf seine Stimme: Die Eldar hielten fest, dass die Benennung dem Klang seines Rufes nachgebildet sei. Damit steht Nahar unter den Namen des Werkes an einer eigenen Stelle, denn er hält weniger eine Eigenschaft als ein Geräusch fest. Eine Herleitung aus dem Quenya oder dem Sindarin bietet der veröffentlichte Text nicht; das Wort bleibt ohne die sonst üblichen Deutungshinweise stehen. Die Valaquenta fügt dem Namen nur ein Bild bei, kein zweites Wort: Im Sonnenlicht erscheint das Pferd weiß, in der Nacht schimmert es wie Silber. Andere Bezeichnungen für Nahar sind nirgends überliefert.

Woher Nahar kam, sagt das Silmarillion nicht. Es gibt keine Erzählung seiner Erschaffung, keine Herde, aus der er stammte, und keine Angabe, ob er ein Tier gewöhnlicher Art oder ein Wesen eigenen Ranges sei. Er tritt schlicht dort auf, wo Orome auftritt: bei den Ritten des Vala durch die noch unbeleuchteten Länder Mittelerdes, die er als Einziger der Großen immer wieder aufsuchte, während die übrigen sich nach Aman zurückgezogen hatten. Sichtbar wird das Pferd dabei vor allem als Wahrnehmender — als Orome bei Cuiviénen an den Gesang der ersten Elben geriet, war es Nahar, der jäh aufwieherte und stehen blieb, ehe der Reiter selbst begriff, was er hörte. Über seine Vorgeschichte lässt sich daraus nichts gewinnen.

Eine zweite, ganz anders geartete Überlieferung findet sich in den Anhängen des Herrn der Ringe, und sie deckt sich mit der ersten nicht. Die Rohirrim führten die Mearas, jenes Geschlecht, dem Felarof und später Schattenfell entstammten, auf einen Hengst zurück, den Béma — so nannten sie den Vala, den die Eldar Orome heißen — über das Meer aus dem Westen gebracht haben sollte. Der Text schreibt diese Herleitung ausdrücklich der Rede der Menschen zu, nicht dem eigenen Bericht, und er nennt weder Nahar noch überhaupt einen Namen für jenen Stammvater. Ob die Pferde des Nordens also in irgendeiner Weise mit dem Reittier Oromes zusammenhängen, bleibt zwischen den Quellen offen: Die eine schweigt zur Herkunft, die andere bietet eine Abstammung an, die sie selbst nur als Sage vorträgt.

Wesen und Fähigkeiten

Über die Gestalt Nahars gibt das Werk kaum mehr her als den Lichtvergleich der Valaquenta; von Größe, Kraft des Leibes oder Zaumzeug ist nirgends die Rede. Er erscheint ausschließlich als Reittier: Wo er genannt wird, trägt er Orome, und die Darstellung folgt dem Reiter, nicht dem Pferd. Zum Jagdzug des Vala gehören ferner die Hunde und das Horn Valaróma, doch beides gehört Orome; von Nahar selbst wird nur hörbar, was Huf und Stimme hervorbringen. Sprache oder Verstand nach Art eines redenden Wesens werden ihm an keiner Stelle zugeschrieben.

Was er vermag, zeigt der Text allein im Gebrauch. Er trägt Orome über die Weiten Valinors und durch die noch unbeleuchteten Wälder Mittelerdes, also in eine Wildnis, in der damals die Geschöpfe Melkors umgingen; eine Fähigkeit wird daraus nicht abgeleitet, weder Schnelligkeit noch Unermüdlichkeit noch Furchtlosigkeit. Wie das Pferd den Weg zwischen Aman und den östlichen Ländern nahm, bleibt ebenso unerwähnt. Ausdrücklich hervorgehoben ist an ihm nur die Wahrnehmung: Am Wasser von Cuiviénen antwortet er auf den Gesang der Erwachten, ehe der Reiter das Gehörte deutet. Ob darin ein Vorauswissen liegt oder bloß die schärfere Sinneskraft des Tieres, entscheidet das Kapitel nicht.

Auch die Wirkung, die dem Erscheinen des Reiters zugeschrieben wird, gehört nicht dem Pferd. Dass viele der Quendi sich bei Oromes Kommen verbargen oder flohen, führt das Silmarillion auf Melkors Werk zurück: Unter den Elben ging die Rede von einem dunklen Reiter auf wildem Ross, der die Umherstreifenden jage, und dieses Zerrbild machte den Jäger zum Schrecken. Nahar ist darin Bestandteil eines Bildes, nicht dessen Ursache, und eigene Macht über Furcht oder Flucht wird ihm nicht beigelegt. Ein Ende wird ihm nirgends gesetzt: keine Wunde, kein Alter, kein Verschwinden. So bleibt alles, was sich über sein Wesen sagen lässt, an das gebunden, was der Vala tut.

Geschichte

Nahars Auftreten lässt sich nicht datieren. Die Ereignisse, an denen er beteiligt ist, fallen sämtlich in die Jahre der Bäume, und das veröffentlichte Silmarillion zählt diese Jahre nicht; was sich darstellen lässt, ist eine Reihenfolge, keine Zeittafel. Am Anfang dieser Reihenfolge steht die lange Zeit, in der Melkor von Utumno aus über Mittelerde gebot und in seinen Verliesen Geschöpfe heranzog, die die dunklen Länder durchstreiften. In eben diese Wildnis führten die Ritte, für die Orome das Meer überquerte, und Nahar trug ihn dabei — so beiläufig, dass der Bericht ihn erst dort eigens nennt, wo etwas geschieht, das er selbst hervorruft.

Der Wendepunkt ist die Begegnung am Cuiviénen, deren Augenblick an anderer Stelle beschrieben ist. Was daraus folgte, gehört ebenso zur Geschichte des Pferdes: Orome verweilte eine Weile bei den Erwachten, ritt dann in großer Eile nach Valinor zurück und brachte die Kunde nach Valmar. Die Valar traten zum Rat zusammen, Manwe suchte den Willen Ilúvatars, und aus diesem Entschluss ging der Krieg gegen Melkor hervor, in dem Utumno aufgebrochen und sein Herr gefesselt nach Aman geführt wurde. In der Schilderung dieses Krieges tritt Nahar nicht mehr hervor; er verschwindet hinter dem Aufbruch, den sein Ruf ausgelöst hatte, und die Zerstörungen, die der Kampf über Mittelerde brachte, werden ohne ihn erzählt.

Nach dem Sieg beriefen die Valar die Quendi nach Westen. Ingwe, Finwe und Elwë wurden als Gesandte ausgewählt, Orome brachte sie nach Valinor, und ihre Fürsprache bewog nach der Rückkehr die Mehrheit ihrer Völker zum Aufbruch. Der große Zug westwärts ist damit das zweite Geschehen, bei dem das Reittier in der Nähe des Erzählten steht: Orome ritt den wandernden Scharen voran und wies ihnen den Weg durch Länder, die keine Straße hatten. Was von diesem Weg berichtet wird — das Zurückbleiben der Nandor unter Lenwe am Rand des Nebelgebirges, das Verschwinden Elwës in den Wäldern Beleriands, die Fahrt der übrigen über das Meer auf der abgetrennten Insel —, gehört jedoch der Geschichte der Elben. Vom Pferd bleibt nur, dass es voranging.

Wann Orome von diesem Zug endgültig nach Aman zurückkehrte, sagt der Text nicht. Das nächste Ereignis, das ihn und mit ihm sein Ross in Reichweite bringt, ist die Verdunkelung Valinors: Nachdem Melkor und Ungoliant die Zwei Bäume zerstört hatten und nordwärts flohen, setzten die Valar ihnen nach, doch die Finsternis, die die Spinne um sich verbreitete, machte die Verfolgung blind und ergebnislos, und die Jäger kehrten ohne Beute zurück. Hier wie später steht Orome im Vordergrund, und die folgenden Umbrüche — die Flucht der Noldor, das Aufsteigen von Sonne und Mond, die Kriege um Beleriand — gehen vorüber, ohne dass Nahar darin noch einmal handelnd aufträte. Seine belegte Geschichte endet also, wo die Jahre der Bäume enden.

Erst in einem weit späteren Zeitalter kehrt das Bild eines Pferdes aus dem Westen wieder, und zwar dort, wo die Zeitrechnung genau geführt wird. Die Anhänge des Herrn der Ringe berichten von Léod, dem Herrn der Éothéod, der beim Zureiten eines wilden weißen Hengstes zu Tode kam, und von seinem Sohn Eorl, der das Tier bezwang, ihm den Namen Felarof gab und im Jahre 2510 des Dritten Zeitalters auf ihm zum Feld von Celebrant ritt. Von diesem Hengst leiteten die Rohirrim ihre Mearas her, und ihre Überlieferung führte das Geschlecht weiter zurück auf ein Pferd, das Béma über das Meer gebracht habe. Der Abstand ist groß, und die Brücke trägt nicht: Sie besteht aus einer Sage der Menschen, nicht aus einer Angabe der Aufzeichnungen, in denen Nahar selbst vorkommt.

Namentlich genannte Pferde der Überlieferung

Unter den Pferden, von denen die Aufzeichnungen der Älteren Tage einen Namen bewahren, steht Nahar allein auf der Seite der Mächte; kein zweites Ross eines Vala wird benannt, und auch die Herden Valinors bleiben namenlos. Erst weit später und unter den Noldor Beleriands begegnet ein zweites Tier mit eigenem Namen: Rochallor, das große Pferd Fingolfins, das den König trug, als dieser nach dem Verderben der Dagor Bragollach in Zorn und Verzweiflung allein davonritt und über Dor-nu-Fauglith bis vor die Tore von Angband gelangte, um Morgoth zum Zweikampf zu fordern. Dass ein Reittier hier überhaupt genannt wird, hängt am Rang des Reiters, nicht an einer eigenen Geschichte des Tieres — dieselbe Zurückhaltung, die auch Nahar umgibt.

Dichter wird die Reihe der Namen im Dritten Zeitalter, und zwar bei den Rohirrim, deren Sage das Geschlecht der Mearas mit dem Westen verknüpft. Von Felarof heißt es dort, er habe die Rede der Menschen verstanden, kein Zaumzeug getragen und so lange gelebt wie ein Mann; seine Nachkommen ließen niemanden aufsitzen als den König der Mark oder dessen Söhne. Die Ausnahme war Schattenfell, der Erste seines Geschlechts in jenen Tagen, der sich Gandalf fügte und ohne Sattel und Zügel getragen wurde. Théoden ritt Schneemähne, das auf dem Pelennor von einem Geschoss getroffen stürzte und im Fallen den König unter sich begrub; man legte es an der Stelle in einen Hügel, der danach benannt blieb. Geringere Namen führt derselbe Bericht nebenher: Hasufel und Arod, die Éomer den Gefährten überließ, Windfola, der Éowyn und Meriadoc zur Schlacht trug, und Stybba, das Pony, das Théoden dem Hobbit gab.

Außerhalb der Mark bleiben benannte Pferde selten. Asfaloth trug Frodo in der Flucht vor den Neun zur Furt des Bruinen, und der Bericht nennt es als Pferd Glorfindels aus Bruchtal, ohne ihm Herkunft oder Geschlecht beizulegen. Roheryn, das Aragorn ritt, brachten ihm die Dúnedain aus dem Norden nach, als die Graue Schar zu ihm stieß. In beiden Fällen gilt, was schon für Nahar gilt: Der Name hängt am Reiter, und was von dem Tier erzählt wird, ist der Dienst, den es an einem einzigen Tag tut.

Rolle in der Erzählung

Erzählerisch ist Nahar kein Handelnder, sondern ein Werkzeug der Wahrnehmung. Das Silmarillion legt den größten Wendepunkt der Älteren Tage nicht in eine Einsicht des Vala, sondern in eine Regung des Tieres: Ein Laut geht der Erkenntnis voraus, und erst danach deutet der Reiter, was geschehen ist. Damit fällt dem Geschöpf, das weder spricht noch begreift, worauf es antwortet, die Rolle des Ersten zu, der die Neuen bemerkt. Das Buch verfährt hier, wie es öfter verfährt: Der Umbruch beginnt beiläufig, an einem Rand, und die Größe des Ereignisses wird erst rückblickend sichtbar. Dass ausgerechnet die Stimme des Pferdes ihm den Namen gab, verknüpft das Wort mit genau diesem Augenblick.

Zugleich dient das Ross als Kennzeichen seines Herrn. Die Valaquenta beschreibt die Mächte meist über Bereiche, Künste und Gesinnung; Orome erhält Dinge, die man hört und sieht — Hörnerklang, Meute, Hufschlag. Er ist auch der Einzige, der die Länder jenseits des Meeres nicht aufgab, und für dieses Nichtaufgeben braucht die Erzählung einen Leib und ein Tier. Die Verbindung zwischen Aman und Mittelerde erscheint dadurch nicht als Gedanke oder Fernsicht, sondern als Bewegung durch wirkliches Land. Wo Nahar auftritt, ist der Westen im Osten anwesend.

Wofür das Bild steht, hängt jedoch davon ab, wer es erzählt. Reiter und großes Pferd meinen im Bericht der Valar die Rettung der Erwachten, im Gerede, das Melkor unter ihnen ausstreute, die Jagd auf sie — dieselbe Erscheinung trägt beide Deutungen, und das Werk lässt sie nebeneinander stehen, ohne die falsche eigens zu widerlegen. Denselben Zug zeigt der ferne Nachhall in den Anhängen des Herrn der Ringe, wo ein Pferd aus dem Westen zum Gründungsstück eines Menschenvolkes wird: Das Motiv lebt in der Sage weiter, längst nachdem die Sache selbst aus den Aufzeichnungen verschwunden ist.