Name und Herkunft
Der Name Falathrim ist sindarisch und bezeichnet dieses Volk nach dem Land, das es bewohnte. Sein erstes Glied geht auf das Wort „falas“ zurück, das die Küste meint, genauer den Strand und die Linie, an der die Wellen brechen. Dieselbe Wurzel steckt in der Landschaftsbezeichnung Falas für die westlichen Gestade Beleriands. Die Endung ‑rim ist ein im Sindarin geläufiges Kollektivsuffix, das ein Volk oder eine Gesamtheit bezeichnet. Wörtlich sind die Falathrim also „die vom Küstensaum“: Ihr Name hält fest, wo sie wohnten, und sagt nichts über ihre Abkunft.1
Ihrer Herkunft nach gehörten die Falathrim zu den Teleri, der dritten und zahlreichsten Schar der Eldar auf dem großen Zug nach Westen. Als die Teleri die Küste von Beleriand erreichten, suchten Osse und Uinen sie dort auf, freundeten sich mit ihnen an und lehrten sie vieles über das Meer und seine Klänge. Als Ulmo schließlich kam, um das Volk auf der Insel über das Meer zu bringen, gelang es Osse, einen Teil der Teleri zum Bleiben zu bewegen. Diese Zurückgebliebenen sind es, die fortan unter dem Namen Falathrim erscheinen. Andere Teleri verblieben aus einem anderen Grund in Beleriand, weil sie nach ihrem verschollenen König Elwe suchten; die Falathrim dagegen hielt die Liebe zur See und die Zuneigung zu Osse an der Küste.2
Ihr Herr war Círdan, dessen eigener Beiname ihn als Schiffbauer ausweist und damit das Handwerk seines Volkes in einem Wort bündelt. Die Falathrim galten als die ersten Seefahrer und die ersten Erbauer von Schiffen in Mittelerde. Ihre Wohnsitze lagen später in den beiden Häfen Brithombar und Eglarest an der Küste der Falas. Da sie telerischen Ursprungs waren und in Beleriand blieben, fielen sie unter die Sammelbezeichnung Sindar, die Grauelben. Unter diesem Namen fassten die heimkehrenden Noldor alle Elben telerischer Herkunft zusammen, die sie in Beleriand antrafen. Ausgenommen waren allein die Grünelben von Ossiriand. So tragen die Falathrim zwei Namen nebeneinander: einen engeren, der ihre Küste benennt, und einen weiteren, der sie dem Volk Thingols zurechnet.3
- 1Das Silmarillion, Anhang: Elements in Quenya and Sindarin Names, entry falas
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië; Das Silmarillion, Index of Names, entry Sindar
Geschichte
Die Geschichte der Falathrim als eigenes Volk beginnt mit dem Abschied ihrer Verwandten. Nachdem die übrigen Teleri auf der Insel Ulmos nach Westen fortgetragen worden waren, blieb am Küstensaum der Falas eine Gemeinschaft zurück, die ihr Leben ganz auf das Meer ausrichtete. Um Círdan sammelte sich dieses Volk in zwei Siedlungen an der Westküste, die zu befestigten Häfen heranwuchsen: Brithombar im Norden und Eglarest an der Mündung des Nenning. Hier bildeten sich die Fertigkeiten heraus, für die die Falathrim bekannt blieben, der Bau von Schiffen und die Fahrt auf den Gewässern vor Beleriand.1
In den langen Jahren vor der Rückkehr der Noldor standen die Falathrim in Verbindung mit Thingol, der von Doriath aus als König über die Elben Beleriands galt. Sie erkannten seine Herrschaft an, lebten an ihrer Küste jedoch unter Círdans eigener Führung. Die Ruhe endete, als Morgoth nach seiner Rückkehr nach Mittelerde seine Heere ausschickte. Im ersten Krieg drangen Orks bis in die Falas vor, drängten Círdans Volk hinter die Mauern seiner beiden Häfen zurück und schlossen diese ein. Die Falathrim hielten stand, blieben aber belagert, bis die Ankunft der Noldor und die Schlacht unter den Sternen die Lage im Norden veränderte und die Belagerer abzogen.2
Während der Belagerung von Angband gewannen die Falathrim einen engen Verbündeten in Finrod Felagund, dem Herrn von Nargothrond, dessen Reich östlich an ihr Land grenzte. Zwischen ihm und Círdan bestand eine Freundschaft, die sich auch in gemeinsamen Anlagen niederschlug. Auf dem Vorgebirge westlich von Eglarest ließ Finrod den Turm Barad Nimras errichten, von dem aus man die westliche See überwachen konnte. In dieser Zeit waren die Häfen der Falas neben Doriath und den Reichen der Noldor einer der festen Punkte Beleriands, und das Meer vor ihnen blieb die Domäne ihrer Schiffe.3
Den Wendepunkt brachte die Niederlage der Eldar und Edain in der Schlacht der Ungezählten Tränen. Im darauffolgenden Jahr sandte Morgoth ein großes Heer über Hithlum und Nevrast, das an den Flüssen Brithon und Nenning entlang in die Falas zog und die beiden Häfen einschloss. Diesmal führte er Handwerker und Kriegsgerät mit, und die Mauern hielten nicht. Brithombar und Eglarest wurden zerstört, der Turm Barad Nimras gestürzt, und der größere Teil der Falathrim fiel oder geriet in Knechtschaft. Nur ein Teil entkam zu Schiff und erreichte die Insel Balar, wo er eine Zuflucht fand; andere sammelten sich an den Mündungen des Sirion.4
Von Balar und den Sirionmündungen aus setzten die Überlebenden ihr Handwerk fort, nun im Dienst verzweifelter Unternehmungen. Auf Bitten Turgons ließ Círdan sieben besonders schnelle Schiffe bauen; sie fuhren nach Westen, um in Valinor Hilfe zu erbitten; keines kehrte zurück, und von ihren Besatzungen überlebte nur Voronwe. Später half Círdan Earendil beim Bau der Vingilot, des Schiffes, auf dem dieser schließlich den Weg über das Meer fand. Als die Söhne Feanors die Siedlung an den Sirionmündungen überfielen, kamen Círdan und Gil-galad von Balar aus zu spät, um das Unheil abzuwenden; sie konnten nur die Überlebenden aufnehmen.5
Nach dem Untergang Beleriands im Krieg des Zorns verliert sich der Name Falathrim in den Quellen; fortgeführt wird die Linie über Círdan und die Elben, die sich ihm anschlossen. Im Zweiten und Dritten Zeitalter war Círdan Herr der Grauen Anfurten am Golf von Lhûn, und dort wurden weiterhin Schiffe gebaut und bereitgehalten für alle Elben, die Mittelerde verlassen wollten. Die Anfurten bestanden bis zum Ende des Dritten Zeitalters; von dort legte das Schiff ab, das die Ringträger nach Westen brachte. In dieser Funktion lebte das Erbe der Falathrim fort, als Hüter des Übergangs zwischen den Ländern und der See.6
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 10, Of the Sindar; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 13, Of the Return of the Noldor
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and its Realms
- 4Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad
- 5Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 24, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath
- 6Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 9
Lebensweise und Werke
Anders als die Elben in den Wäldern Doriaths oder die Grünelben im Land der sieben Flüsse lebten die Falathrim mit dem Gesicht zur See. Ihr ganzes Dasein war vom Meer bestimmt, von dem ihre Nahrung, ihr Handwerk und ihr Selbstverständnis ausgingen. Die Vertrautheit mit Osse und Uinen, die schon vor dem Abschied der übrigen Teleri begonnen hatte, blieb ein Zug dieses Volkes. Die Maia der Küstengewässer galt ihnen weniger als ferne Macht denn als Hüterin der Häfen, und Osses Kunde von Wellen, Strömungen und Stürmen ging in ihre Seemannschaft ein. Aus dieser Nähe erwuchs das Können, das man mit ihrem Namen verband. Ihre Schiffe beherrschten die Küsten und Inseln Beleriands, doch die offene See nach Westen blieb ihnen verschlossen.1
Sprachlich gehörten die Falathrim zu den Sindar und teilten deren Rede, die in Beleriand zur gemeinsamen Sprache wurde und auch von den heimgekehrten Noldor im Alltag übernommen wurde. Ihre Eigenart lag weniger in der Zunge als im Wissen, das sie weitergaben. Wer von anderen Völkern die Seefahrt erlernen wollte, fand bei ihnen die Lehrmeister. Ein Beispiel dafür bietet Voronwe aus Gondolin. Durch seine Mutter war er mit dem Volk Círdans verwandt, und er erwarb bei ihm die Kunst des Schiffbaus und eine Sehnsucht nach dem Meer, die ihn nicht mehr losließ. So wirkte die Lebensweise der Falathrim über ihre Häfen hinaus und prägte auch Angehörige anderer Häuser der Eldar.2
Wie alle Eldar waren die Falathrim an die Welt gebunden und alterten nicht. Ihr Verhältnis zur Zeit war jedoch von einer besonderen Entscheidung gezeichnet. Sie hatten die Überfahrt ausgeschlagen und das Meer diesseits der Trennung dem gesegneten Land vorgezogen. Daraus ergibt sich eine Spannung, die ihr Erbe bis zuletzt durchzieht. Das Volk, das um der Küste willen in Mittelerde geblieben war, wurde über seine Nachfolger an den Anfurten zum Wegbereiter derer, die Mittelerde verlassen wollten. Círdan selbst, so berichten die Quellen, wollte an den Häfen ausharren, bis das letzte Schiff in See stach. Damit schließt sich der Kreis einer Gemeinschaft, deren Dasein von Anfang an im Zwischenraum zwischen Land und Meer, Bleiben und Fortgehen lag.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and its Realms
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 15, Of the Noldor in Beleriand; Nachrichten aus Mittelerde, Teil 1, I, Of Tuor and his Coming to Gondolin
- 3Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
Rolle in der Erzählung
In der Erzählung sind die Falathrim die ersten Elben, die sich bewusst gegen das Gesegnete Reich und für Mittelerde entscheiden. Das Buch stellt diese Wahl ohne Tadel dar: Ulmos Absicht und Osses Wunsch stehen nebeneinander, und keiner der beiden wird ins Unrecht gesetzt. Gerade darin liegt der Unterschied zu den Noldor, die später ebenfalls in Mittelerde leben, aber als Verbannte, gebunden durch Eid und Fluch. Das Bleiben der Falathrim ist dagegen frei von Schuld. Sie verkörpern eine Treue zu Mittelerde, die aus Neigung erwächst und nicht aus Aufruhr.1
Als handelnde Gemeinschaft treten sie im Quenta Silmarillion selten hervor. Der Text spricht meist von Círdan und fasst sein Volk in dessen Namen zusammen. Die großen Kriege werden im Norden ausgefochten, und die Falathrim stehen an ihrem Rand. Ihre erzählerische Aufgabe ist eine ermöglichende: Wo die Geschichte vom Land auf das Wasser übergehen muss, führt ihr Weg über die Werften und Häfen dieses Volkes. Heldentaten schreibt das Buch anderen zu; den Falathrim fällt das Handwerk zu, ohne das diese Taten nicht über die Küste hinausreichen würden.2
Im „Herrn der Ringe“ fällt ihr Name nicht. Die Leser der Erstausgabe begegneten dem Erbe dieses Volkes nur in wenigen Zeilen: in Círdan, der am Ende als hochgewachsener, uralter Hafenherr mit wachen Augen auftritt, und in der Nachricht der Anhänge, dass er einst den Roten Ring an Gandalf weitergab. Auch das Motiv der Meeressehnsucht, das Legolas beim Schrei der Möwen ergreift, gehört in diesen Zusammenhang, ohne dass der Roman die Verbindung ausspricht. Welche Gemeinschaft hinter dem Schiffbauer an den Anfurten stand, wurde erst mit den posthum edierten Texten sichtbar. So stehen die Falathrim für eine Überlieferung, die im veröffentlichten Werk nur als Hintergrund aufscheint.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 5, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 24, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath
- 3Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 9, The Grey Havens; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 9, The Last Debate
Entwürfe und Varianten
Ein eigenes Küstenvolk, das in Mittelerde zurückbleibt, kennt Tolkiens früheste Mythologie noch nicht. In den „Verschollenen Geschichten“ gelangt die Schar, aus der später die Teleri werden, vollständig nach Westen. Osse greift dort ebenfalls ein, hält aber nicht Elben an der Küste fest, sondern verankert die Insel samt ihren Bewohnern mitten im Meer. Círdan und seine Häfen gehören einer deutlich späteren Schicht an. Ausgeformt wird der Stoff erst in den „Grauen Annalen“ der Fünfzigerjahre. Hier stehen die Falathrim unter Círdan an der Küste der Falas, hier bleiben sie aus Neigung zu Osse, und hier sind sie von den Verwandten geschieden, die in Beleriand nach ihrem König suchen. Die veröffentlichte Fassung des „Silmarillion“ folgt dieser Annalenfassung in den Grundzügen.1
Eine Spannung entsteht durch eine späte Notiz über Círdan, die Christopher Tolkien unter Tolkiens letzten Schriften veröffentlicht hat. Dort erscheint der Schiffbauer als hochrangiger Teler, verwandt mit Elwe und Olwe, und trägt den ursprünglichen Namen Nōwe. Sein Verbleib in Mittelerde wird jedoch anders begründet. Nicht Osses Werben hält ihn zurück, sondern die Suche nach dem verschollenen Elwe, über der er die Abfahrt versäumt. Damit rückt der Herr der Falathrim in die Nähe jener Gruppe, von der sich sein Volk in den Annalen gerade unterscheidet. Tolkien hat diesen Widerspruch nicht mehr aufgelöst. Dieselbe Notiz verbindet Círdans Bleiben mit einer Weisung Ulmos, er werde am Ende als einer der Letzten nach Westen fahren.2