Herkunft und Namen
Turgon gehört zu den Dúnedain Gondors und entstammt dem Haus Húrin, jenem Geschlecht, das seinen Namen von Húrin von Emyn Arnen herleitet, einem Mann hoher númenórischer Abkunft, der unter König Minardil das Amt des Truchsessen versah. Aus dessen Nachkommenschaft nahmen die Könige fortan ihre Truchsessen, und seit Mardil, der die Regierung führte, als der Königsstamm Anárions erlosch, ging das Amt erblich weiter — an den Sohn, sonst an den nächstverwandten Mann des Hauses. Die Herrschenden Truchsessen zählten damit nicht zum Königshaus selbst; sie nahmen weder Krone noch Zepter an, sondern führten allein den weißen Stab, und ihr Titel in der hohen Sprache bezeichnete sie schlicht als Diener des Königs. In dieser Kette steht Turgon an vierundzwanzigster Stelle, in einer späten Zeit des Dritten Zeitalters.
Der Name ist sindarinisch geformt und aus zwei Bestandteilen gefügt, die in den Elbensprachen häufig wiederkehren. Das erste, tur-, bezeichnet Macht und Meisterschaft und begegnet ebenso in Turambar; das zweite geht auf káno zurück, ein Wort für den Gebieter oder Heerführer, das in gleicher Weise den zweiten Teil von Fingon bildet. In quenyanischer Gestalt lautet derselbe Name Turukáno. Seine Bedeutung liegt also im Umkreis von „mächtiger Gebieter“ oder „herrschender Anführer“ — ein Herrschername, dessen Sinn zu einem Amt passt, das im Namen des abwesenden Königs ausgeübt wurde.
Bemerkenswert ist weniger die Bedeutung als die Herkunft der Namenswahl. Das Haus Húrin trug über Generationen Namen, die aus den Überlieferungen der Ältesten Tage stammen, und Turgon ist einer der bekanntesten darunter: So hieß der Noldorfürst, der Gondolin regierte und Vater Idrils war, von der über Earendil die Königsgeschlechter Númenors und der Reiche in der Verbannung abstammen. Wer in Minas Tirith einem Kind diesen Namen gab, griff mithin in die eigene ferne Vorgeschichte zurück, nicht in fremdes Gut — was einem Gemeinwesen entsprach, in dem die Vornehmen das Sindarin noch als gepflegte Sprache gebrauchten. Innerhalb der Truchsessenreihe selbst trägt Turgon keine Ordnungszahl, anders als der Túrin und der Ecthelion, zwischen denen er in den Annalen steht: Vor ihm hatte kein Truchsess so geheißen, und die Zählung der Namensgleichen bezog sich stets nur auf das eigene Amt, nicht auf die Sagen, denen der Name entnommen war.
Geschichte
Das Amt fiel Turgon im Jahr 2914 des Dritten Zeitalters zu, in dem Túrin II. starb; er führte es bis 2953, also annähernd vier Jahrzehnte lang. Was er übernahm, war ein Reich in der Verteidigung. Schon 2901 hatten die meisten der verbliebenen Bewohner Ithiliens ihr Land aufgegeben, weil die Uruks aus Mordor es unablässig heimsuchten; in denselben Jahren entstand jenseits des Anduin das verborgene Fenster hinter dem Wasserfall, Henneth Annûn, der am längsten gehütete der geheimen Zufluchtsorte Ithiliens, und die Insel Cair Andros wurde befestigt, damit von Norden her kein Feind nach Anórien übersetzen konnte. Turgons Amtszeit gehört mithin in jene lange Reihe von Jahren, in denen Gondor nicht mehr ausgriff, sondern Grenzen hielt und Rückzüge ordnete.
In diese Jahrzehnte fällt die engste Verbindung, die von Turgon überliefert ist, und sie führt nach Rohan. Thengel, einziger Sohn und drittes Kind König Fengels, verließ die Mark als junger Mann, weil er mit seinem Vater zerfallen war, lebte lange in Gondor und erwarb dort im Dienst des Truchsessen Ehre. 2943 vermählte er sich mit Morwen aus Lossarnach, die um viele Jahre jünger war als er; ihr Sohn Théoden kam 2948 in Gondor zur Welt. Erst als Fengel 2953 starb, holten die Rohirrim Thengel heim; er ging ungern. So verließ der künftige König der Mark Minas Tirith in eben dem Jahr, in dem auch Turgon starb — und er nahm die Sprache Gondors mit in sein Haus, was nicht allen in Rohan gefiel.
Die größten Ereignisse dieser Jahre trugen sich fern von Gondor zu, wirkten aber unmittelbar auf seine Lage. 2941 griff der Weiße Rat Dol Guldur an und trieb den Nekromanten aus jener Festung im Süden des Düsterwaldes; im selben Jahr fiel im Norden der Drache Smaug, und die Schlacht der Fünf Heere entschied über Erebor und Thal. Der Erfolg des Rates währte kaum ein Jahr, denn 2942 kehrte Sauron insgeheim nach Mordor zurück. Für Minas Tirith hieß das, dass der alte Feind wieder unmittelbar hinter dem Ephel Dúath saß, ohne dass ein offener Krieg dies angekündigt hätte; die Wachsamkeit an den Grenzen, die Turgons Vorgänger begründet hatten, wurde damit zur bloßen Voraussetzung des Überlebens.
2951 gab Sauron alle Verstellung auf: Er erklärte sich offen, sammelte Macht in Mordor und begann Barad-dûr wieder aufzubauen; drei der Ringgeister sandte er zurück nach Dol Guldur. In Turgons letzte Jahre fällt damit der Übergang von der verdeckten zur erklärten Bedrohung, den Gondor seit Jahrhunderten gefürchtet hatte. Dieselben Jahrzehnte brachten stiller jene Menschen hervor, die den kommenden Krieg führen sollten: 2930 wurde in Minas Tirith Denethor II. geboren, 2931 im Norden Aragorn, der Sohn Arathorns, und 2951 eröffnete Elrond dem Jüngling in Bruchtal seinen wahren Namen und seine Abkunft und übergab ihm die Bruchstücke Narsils. Von alledem konnte in Gondor niemand wissen.
Turgon starb 2953. In dasselbe Jahr setzen die Annalen die letzte Zusammenkunft des Weißen Rates, auf der Saruman den übrigen vorspiegelte, der Eine Ring sei den Anduin hinab ins Meer getrieben; danach zog er sich nach Isengart zurück, nahm es für sich und befestigte es. Ein Jahr nach Turgons Tod brach der Schicksalsberg von neuem in Flammen aus, und die letzten Bewohner Ithiliens flohen über den Strom. Auf ihn folgte Ecthelion II., der mit dem, was an Kraft noch geblieben war, das Reich gegen den Ansturm Mordors zu stärken suchte — eine Wendung der Überlieferung, die zugleich anzeigt, wie wenig Turgon hatte hinterlassen können. Von ihm selbst berichten die Quellen keine einzelne Tat: Er ist ein Name in der Reihe, dem ein Todesjahr und eine Zeitlage beigegeben sind.
Das Truchsessenamt: Vollmacht und ihre Grenzen
Die Vollmacht, die Turgon führte, war ihrem Wortlaut nach eine geliehene. Wer das Amt antrat, verpflichtete sich durch Eid, Stab und Herrschaft im Namen des Königs zu führen, bis dieser wiederkäme; alles Übrige ergab sich aus dieser Bedingung. Die Herrschenden Truchsessen bestiegen den Thron nicht, sondern saßen auf einem schwarzen Stuhl am Fuß der Stufen, auf denen er stand; ihr Zeichen war der weiße Stab, und das Banner, das über ihnen wehte, war ein einfaches weißes Tuch ohne Baum, ohne Sterne und ohne Krone. Wer nach Turgons Befugnissen fragt, stößt in den Anhängen also zuerst auf eine Form: auf ein Regiment, das sich selbst als bloße Statthalterschaft beschrieb, obwohl seit Jahrhunderten niemand mehr da war, der hätte zurückkehren können.
In der Sache war diese Statthalterschaft volle Herrschaft. Der Truchsess gebot über die Heere, berief die Aufgebote der Lehen, entschied, wo befestigt und wo geräumt wurde, und bei ihm lief zusammen, was das Bündnis mit den Reitern der Mark betraf — Turgons Verhältnis zu Thengel ist die einzige Ausübung dieser Macht, welche die Überlieferung ihm ausdrücklich zuschreibt. Auch dauerhafte Ordnungen vermochte das Amt zu setzen: Die Zeitrechnung, nach der Gondor seit Mardil zählte, war die Neuerung eines Truchsessen und nicht die eines Königs. Die Anhänge halten fest, dass die Herrschenden Truchsessen zuletzt in allem außer dem Namen Könige waren und dass niemand ihnen dies streitig machte.
Die Grenzen dieses Amtes zeigen sich an dem, was ihm verwehrt blieb. Es konnte halten, ordnen und aufschieben; wiederherstellen konnte es nichts. Kein Truchsess setzte sich die Krone auf, keiner nahm einen Königsnamen an, und keiner konnte jenen Anspruch begründen, für den allein die Erbfolge Elendils stand. Nach außen war die Macht ebenso begrenzt: Gegen das, was jenseits des Schattengebirges wieder zusammenwuchs, blieben Wachsamkeit, Befestigung und geordneter Rückzug die einzigen Mittel, über die ein Truchsess verfügte. Dass Turgon binnen vierzig Amtsjahren keine Maßnahme hinterließ, die eigens erinnert würde, ist insofern weniger ein Urteil über den Mann als eine Auskunft über sein Amt; und dass der Stab an Ecthelion II. überging, ohne dass es dazu einer Weihe oder Ausrufung bedurft hätte, sondern allein des Erbrechts im Haus Húrin, gehört zur selben Auskunft.
Verwandte, Verbündete und Zeitgenossen
Über Turgons nächste Angehörige schweigen die Quellen an der entscheidenden Stelle. Die Liste der Truchsessen reiht Namen und Todesjahre und setzt voraus, dass das Amt im Haus Húrin verblieb; welcher Übergang auf einen Sohn fiel und welcher auf einen Seitenverwandten, wird nirgends einzeln vermerkt. Für Turgon heißt das, dass weder ein Vater noch ein Sohn bezeugt ist. Ausdrücklich als verwandt bezeichnet ist in dieser Strecke der Reihe allein Denethor II., der Sohn Ecthelions II. war; für das Verhältnis zwischen Túrin II. und Turgon und ebenso für das zwischen Turgon und Ecthelion II. gilt das nicht. Wer die Reihenfolge als Stammbaum liest, trägt eine Auskunft ein, die der Text selbst nicht gibt.
Die einzige Person, mit der die Überlieferung Turgon unmittelbar verbindet, gehört nicht zu seinem Volk, und bezeichnenderweise steht die Nachricht darüber nicht in der Chronik Gondors, sondern in der der Rohirrim. Dort erscheint Turgon als der Herr, in dessen Dienst der verbannte Königssohn Thengel Ansehen gewann — ein Verhältnis von Gefolgschaft und Gunst, nicht von Vertrag oder Gesandtschaft. Das alte Bündnis zwischen den beiden Reichen erhielt dadurch für eine Generation eine persönliche Gestalt: Der künftige König der Mark führte seinen Hausstand in Gondor, nahm dort eine Frau aus einem der südlichen Lehen und wurde dort Vater des Erben. Was Turgon selbst von dieser Bindung hielt, sagt keine Quelle; sie ist ganz aus der Sicht des anderen Hauses aufgezeichnet.
Einen benannten Gegenspieler kennt die Überlieferung für Turgon nicht. Der Widerpart seiner Amtszeit ist kein Fürst und kein Feldherr, sondern ein Reich hinter dem Gebirge, dessen Vorstöße als Landverluste und Befestigungen verbucht werden, nicht als Begegnungen. Ebenso wenig verbindet ihn etwas mit jenem Kreis der Weisen, der in denselben Jahrzehnten über Mittelerde entschied: Dem Weißen Rat gehörten Zauberer und Hochgestellte der Eldar an, kein Truchsess und kein Abgesandter Gondors, und was dort beschlossen wurde, erreichte Minas Tirith als Folge, nicht als Mitsprache. So bleibt Turgon in den Beziehungen, die von ihm überliefert sind, durchweg derjenige, auf den andere sich beziehen.