Name und Benennung
Der elbische Name des Gebirges lautet Ered Nimrais und ist Sindarin, also Grauelbisch. Er setzt sich aus drei durchsichtigen Gliedern zusammen: „ered“ ist die Mehrzahl des Wortes für Berg, „nim“ bedeutet weiß, und „rais“ ist die Mehrzahlform von „rass“, einem Wort für Horn oder spitzen Gipfel. Wörtlich sind es demnach die Berge der weißen Hörner. Der Name beschreibt die Kette nicht als Ganzes, sondern über ihre einzelnen Spitzen, die aus der Ferne wie eine Reihe heller Zacken wirken. Diese Aufschlüsselung lässt sich an Tolkiens eigener Zusammenstellung der elbischen Namenselemente nachvollziehen, die dem Silmarillion beigegeben ist.1
In der Gemeinsprache heißt die Kette schlicht White Mountains; die deutsche Übersetzung von Margaret Carroux gibt dies als Weißes Gebirge wieder. Die Bezeichnung ist keine Übertragung des Hörnerbildes, sondern greift nur dessen Farbwort auf: Weiß sind die Berge, weil ihre hohen Gipfel das ganze Jahr Schnee tragen. So kennen sie die Menschen, die zu beiden Seiten wohnen, in Gondor wie in Rohan, und unter diesem Namen erscheint die Kette durchgehend in der Erzählung des Herrn der Ringe. Neben den Hauptnamen begegnen im Register gelegentlich weitere Umschreibungen, etwa als Gebirge Gondors, die aber keine eigene Benennungstradition darstellen.2
Aufschlussreicher als der Gesamtname sind die Namen der einzelnen Gipfel, denn an ihnen zeigt sich, wer in welchem Abschnitt der Kette zu Hause war. Am östlichen Ende, über der Stadt Minas Tirith, trägt der Berg Mindolluin einen Sindarin-Namen, wie er der elbisch geprägten Namengebung Gondors entspricht. Weiter westlich, im Bergland von Rohan, stehen dagegen Namen wie Starkhorn, Irensaga und Dwimorberg. Sie folgen der Sprache der Rohirrim, die Tolkien in der Gestalt des Altenglischen wiedergibt, und benennen die Gipfel nach ihrer Gestalt oder nach dem Ruf, der ihnen anhaftet. Das Gebirge trägt so auf engem Raum die Spuren zweier Sprachgemeinschaften, die es jeweils von ihrer Seite her benannten.3
- 1Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names; Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
- 2Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 1; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv)
- 3Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 1; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 3; Der Herr der Ringe, Anhang F, II
Lage und Gestalt
Das Weiße Gebirge ist eine lange, von Osten nach Westen gestreckte Kette im Süden Mittelerdes. Sein östliches Ende tritt nahe an den Anduin heran, sodass zwischen Fels und Strom nur ein schmaler Streifen bewohnbaren Landes bleibt; nach Westen hin zieht es sich weit in Richtung der Küste. Nördlich der Kette liegt das Land der Rohirrim, südlich davon breiten sich die Lehen Gondors aus, darunter Lebennin und Lamedon, deren Flüsse von den Südhängen zum Meer hinabfließen. Im Nordwesten öffnet sich zwischen den äußersten Ausläufern des Gebirges und dem Südende des Nebelgebirges die Pforte von Rohan, der einzige breite Durchlass zwischen den beiden Ketten, an dessen Rand Isengard liegt.1
Auf der Nordseite ist das Gebirge eng mit der Geschichte Rohans verwoben. Aus seinen Tälern treten die Wasser hervor, an denen die Rohirrim siedelten: Am Ausgang des Schneeborn-Tals erhebt sich auf einem grünen Hügel Edoras, und weiter oben im Hargtal liegt die alte Bergfeste Dunharg. In einem nördlichen Ausläufer weiter westlich öffnet sich Helms Klamm, eine tief eingeschnittene Schlucht, die das Volk der Westfold in Zeiten der Not aufnahm. Entlang der Nordflanke, zwischen Anórien und der Grenze zu Rohan, stehen auf einzelnen Gipfeln die Leuchtfeuer Gondors, von Amon Din im Osten bis Halifirien im Westen, über die Nachricht von einem Reich zum anderen weitergereicht werden kann.2
Für Heere ist die Kette weitgehend ein Riegel: Wer von Rohan nach Gondor will, zieht gewöhnlich an ihrem Nordrand entlang und biegt erst an ihrem Ostende nach Süden ab. Eine andere, gemiedene Verbindung führt unter dem Dwimorberg hindurch; die Pfade der Toten beginnen oberhalb von Dunharg und kommen im Tal des Morthond wieder ans Licht, von wo der Weg nach Erech weiterführt. Am östlichen Ende, in Anórien, bedeckt der Druadan-Wald die Vorberge, ein dichtes, unwegsames Gebiet, in dem ein altes, zurückgezogenes Volk wilder Menschen lebt. So vereint das Gebirge schroffe Schneehöhen mit bewohnten Tälern, verborgenen Wegen und Randlandschaften, die jeweils eigene Bewohner und eigene Geschichten tragen.3
Geschichte
Die frühesten Nachrichten über das Gebirge betreffen ein Volk, das lange vor Gondor und Rohan in seinen Tälern lebte. In den dunklen Jahren des Zweiten Zeitalters hatten diese Bergbewohner Sauron verehrt. Nach der Gründung der Reiche im Exil leistete ihr König jedoch Isildur einen Treueid am Stein von Erech, den Isildur aus Númenor mitgebracht und dort aufgestellt hatte. Als Isildur sie zum Kampf gegen Sauron rief, verweigerten sie die Gefolgschaft. Isildur verfluchte sie daraufhin: Sie sollten keine Ruhe finden, bis sie ihren Eid erfüllt hätten. Von ihrem Reich blieb wenig mehr als ein Name im Gedächtnis ihrer Nachbarn. Auch die Anlagen von Dunharg mit ihren gewundenen Wegen und den verwitterten Steinfiguren stammen von einem vergessenen Volk, dessen Namen die späteren Bewohner des Tals nicht mehr kannten.1
Im Dritten Zeitalter wurde die Kette zur Grenze zwischen zwei verbündeten Völkern. Im Jahr 2510 kam Eorl der Junge Gondor in der Schlacht auf dem Feld von Celebrant zu Hilfe. Zum Dank überließ der Truchsess Cirion ihm und seinem Volk das nahezu entvölkerte Calenardhon nördlich des Gebirges. Den Eid, der dieses Bündnis besiegelte, leisteten beide Männer auf dem Halifirien. Dieser Gipfel am Rand des Gebirges barg zugleich die verborgene Grabstätte Isildurs. Eorls Sohn Brego gründete Edoras am Fuß der Berge und vollendete dort 2569 die Goldene Halle Meduseld. Damit war die Nordseite der Kette fortan Kernland der Rohirrim.2
Die schwerste Bewährungsprobe dieser Zeit fiel in das Jahr 2758. Rohan wurde gleichzeitig von Westen und Osten angegriffen und überrannt, während Gondor mit Flotten der Korsaren zu kämpfen hatte. Wulf, der Anführer der eingedrungenen Dunländer, besetzte Edoras. Die Rohirrim mussten sich in die Täler des Gebirges zurückziehen. König Helm Hammerhand hielt sich mit einem Teil seines Volkes in der Hornburg, und die Schlucht dahinter trägt seither seinen Namen. Zur selben Zeit brach der Lange Winter herein und brachte Hunger und große Not. Helm starb noch in diesem Winter, seine beiden Söhne waren bereits gefallen. Im folgenden Jahr, 2759, stieß Helms Schwestersohn Fréaláf von Dunharg aus überraschend auf Edoras vor, tötete Wulf und gewann die Stadt zurück.3
Wenige Jahrzehnte später brachte ein ferner Krieg neue Unruhe in die Berge. In der Schlacht von Azanulbizar im Schattenbachtal besiegten die Zwerge 2799 die Orks des Nebelgebirges. Viele der Versprengten zogen nach Süden und suchten im Weißen Gebirge neue Schlupfwinkel. Über Jahrzehnte hatte Rohan mit ihnen zu kämpfen. König Walda fiel 2861 durch Orks. Erst sein Sohn Folca spürte die letzte Orkfestung im Land auf und zerstörte sie. Er starb bald darauf, 2864, auf der Jagd im Firienwald. Mit ihm endet der Abschnitt, in dem das Gebirge selbst Kriegsschauplatz eines langen, zähen Kleinkriegs war.4
Im Ringkrieg des Jahres 3019 kehrten alle drei Stränge dieser Geschichte zurück. Am 3. März wurde die Hornburg in einer nächtlichen Schlacht gegen die Heere Sarumans gehalten. Kurz darauf sammelte Théoden die Reiter Rohans in Dunharg. Aragorn nahm am 8. März mit seinen Gefährten den Weg durch die Berge, den seit Menschengedenken niemand gegangen war. In Erech rief er die Toten auf, ihren alten Eid zu erfüllen. Sie folgten ihm bis Pelargir und wurden nach dem Sieg dort aus dem Fluch entlassen. Die Rohirrim ritten unterdessen am Nordrand der Kette nach Osten. Die wilden Menschen des Druadan-Walds führten sie durch das vergessene Steinkarrental an den feindlichen Posten auf der Straße vorbei. So wurde das Gebirge zum Weg der beiden Heere, die über den Ausgang des Krieges mitentschieden. An seinen Hängen blieben Gondor und Rohan auch im Vierten Zeitalter Nachbarn.5
- 1Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 3
- 2Nachrichten aus Mittelerde, Teil 3, Kap. 2 (Cirion and Eorl and the Friendship of Gondor and Rohan); Der Herr der Ringe, Anhang A, II; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 3Der Herr der Ringe, Anhang A, II; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv); Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 4Der Herr der Ringe, Anhang A, II; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 5Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 7; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 2; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 5; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 9; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
Völker und Herrschaft
Die ältesten bekannten Bewohner des Gebirges waren Menschen, die lange vor der Ankunft der Númenórer in seinen Tälern siedelten. Nach Tolkiens Darstellung der Völker und Sprachen waren die Dunländer ein Überrest dieser alten Talbewohner, und auch die Toten von Dunharg gehörten zu ihrer Verwandtschaft. Von einer eigenen Herrschaft dieses Volkes ist außer dem schon erwähnten Königseid kaum etwas überliefert. Am Ostende der Kette, im Druadan-Wald, lebten zur Zeit des Ringkriegs noch die wilden Menschen unter ihrem Häuptling Ghân-buri-Ghân. Sie hielten sich von den Reichen ringsum fern und wurden von den Rohirrim eher gejagt als geachtet. Für ihre Führerdienste erbat Ghân-buri-Ghân von Théoden, dass man sein Volk künftig in Ruhe lasse, und der König sagte dies zu.1
Die Nordseite der Kette gehörte seit Eorl zur Mark, deren Könige in Edoras ihren Sitz hatten. Unterhalb des Königs verwalteten Marschälle und Landesherren einzelne Gebiete; so war Erkenbrand zur Zeit des Ringkriegs Herr der Westfold und hielt die Hornburg. Die Täler dienten dem Volk nicht nur als Siedlungsland, sondern auch als Rückzugsraum, und Dunharg war Sammelplatz, wenn der König seine Reiter aufbot. Das Verhältnis zu den westlichen Nachbarn blieb gespannt, denn die Dunländer betrachteten das Land nördlich der Berge als ihnen entrissen und fielen immer wieder darüber her.2
Südlich des Kamms lagen die Lehen Gondors, die erst den Königen und später den Truchsessen unterstanden und ihre Streitkräfte auf Ruf nach Minas Tirith schickten. Aus dem Tal des Morthond kam Duinhir mit seinen Bogenschützen, aus Lossarnach der alte Forlong, und Lamedon stand unter Angbor, der sich später Aragorn anschloss. Die Herren dieser Randlandschaften waren dem Reich verpflichtet, blieben aber in Zeiten der Not auch durch Bedrohungen an ihren eigenen Küsten gebunden. Über das Gebirge hinweg verband Gondor und Rohan ein gegenseitiges Beistandsversprechen, das beide Seiten im Ringkrieg einlösten.3
In der Erzählung
Im Herrn der Ringe tritt das Gebirge zunächst als Horizont auf, vor dem sich andere Orte abzeichnen. Als Gandalf mit Aragorn, Legolas und Gimli über das Grasland nach Edoras reitet, stehen die verschneiten Gipfel im Morgenlicht hinter der Königsstadt. Legolas beschreibt den Gefährten, was er mit seinen weitreichenden Augen dort erkennt. Später reitet Pippin, vor Gandalf auf Schattenfell sitzend, an der Kette entlang und sieht, wie auf ihren Höhen nacheinander Feuer aufflammen. Für den Hobbit wird damit greifbar, dass der Krieg bereits begonnen hat, lange bevor er selbst ein Heer zu Gesicht bekommt. An seinem Ziel findet er eine Stadt, die so an den Fels des Mindolluin gebaut ist, dass Berg und Mauer ineinander übergehen.1
Sobald die Figuren das Gebirge selbst betreten, wird es zu einem Ort der Beklemmung. Merry zieht mit den Reitern Théodens in die Täler hinauf und fühlt sich zwischen den steilen Hängen klein und eingeschlossen; die Höhen, die aus der Ebene nur Kulisse waren, rücken nun bedrückend nahe. Noch deutlicher wird dies unter dem Dwimorberg. Gimli, dem als Zwerg das Innere der Berge vertraut sein müsste, wird dort von einer Angst überwältigt, gegen die er nicht ankommt, während Legolas die Schatten der Toten ohne Furcht erträgt. Diese Umkehrung lässt erkennen, dass der Schrecken dieses Berges nicht im Gestein liegt, sondern in der ungesühnten Schuld, die an ihm haftet.2
Am Ende der Geschichte wird das Gebirge zum Ort einer stillen Erneuerung. Nach der Krönung führt Gandalf den König bei Nacht auf die Hänge des Mindolluin, zu einer alten, kaum noch betretenen Stätte hoch über der Stadt. Von dort überblickt Aragorn das Land, das ihm nun anvertraut ist, und an einem steinigen Hang nahe dem Schnee finden die beiden einen jungen Schössling vom Geschlecht des Weißen Baumes. Aragorn bringt ihn hinab und setzt ihn an die Stelle des verdorrten Baumes. So schließt sich der Bogen, den das Gebirge in der Erzählung spannt: vom Grenzwall zwischen zwei Völkern über den Weg durch Furcht und Fluch bis zu dem Ort, an dem das Zeichen des erneuerten Königtums gefunden wird.3
In Verfilmungen und Hörspielen
In Peter Jacksons Filmtrilogie, die 2001 bis 2003 in Neuseeland gedreht wurde, ist das Gebirge vor allem als Schauplatz einzelner Stationen gegenwärtig: Edoras, Helms Klamm, Dunharg und Minas Tirith am Fuß des Mindolluin. Die bekannteste Abweichung betrifft die Leuchtfeuer. Im Roman sind sie auf Befehl Denethors längst entzündet, als Pippin mit Gandalf nach Gondor reitet. Der Film verlegt die Entscheidung dagegen auf die Seite Gandalfs, der Pippin das erste Feuer gegen den Willen des Truchsessen entzünden lässt. Auch der Weg unter dem Dwimorberg ist verändert. Aragorn geht ihn im Film nur mit Legolas und Gimli, ohne die Waldläufer der Grauen Schar, und die Toten werden nicht nach dem Sieg bei Pelargir entlassen, sondern ziehen mit bis auf das Schlachtfeld vor Minas Tirith. Die wilden Menschen des Druadan-Walds und ihr Häuptling fehlen ganz, sodass der Umweg der Rohirrim durch das Steinkarrental entfällt.1
Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978 bricht nach der Schlacht um die Hornburg ab. Vom Gebirge erscheint darin nur dieser nördliche Ausläufer, während die südlichen Täler, die Pfade der Toten und die Stadt am Mindolluin einem zweiten Teil vorbehalten blieben, der nie entstand. Einen ganz anderen Zugang wählt Kenji Kamiyamas Animationsfilm „Der Krieg der Rohirrim“ von 2024. Er erzählt nicht aus den Romanen, sondern aus den Anhängen, und zwar die Geschichte Helm Hammerhands, dessen Zuflucht in den Bergtälern und dessen Ausharren in der Hornburg während des Langen Winters. Helm spricht Brian Cox. Die gewichtigste Abweichung von der knappen Vorlage ist eine erfundene Tochter Helms namens Héra, gesprochen von Gaia Wise, die der Film zur Hauptfigur macht. Tolkiens Bericht kennt eine solche Gestalt nicht.2